Mal eben nach Warschau

Bei dieser Reise handelt es sich um eine Produktschulung im Rahmen meiner Tätigkeit als Travelagent. Die Einladung erfolgte durch LOT. Dieser Artikel war aber keine Bedingung und ist im Rahmen meiner Reiseberichte entstanden. Er spiegelt meine private (unkäufliche) Meinung wieder.

 

 

Der Wecker klingelt um 04:30 Uhr.

Bin ich eigentlich bescheuert, mir das an einem Samstag anzutun? Doch wer reisen will, muss leiden. (oder wie war das?) 

Ich will mir aber die Gelegenheit zu einem Kurzbesuch in Warschau nicht entgehen lassen und hüpfe aus den Federn. 

Ob es die Stadt voller Geschichte(n), Prachtstraßen, Musik spielender Parkbänke und denn 77 Statuen wert war? Entscheidet selber. 

29.09.2018

14°C
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46 km
46 km

Da sich von mir daheim  eine Anreise zum Flughafen  zu so früher Stunde als etwas schwierig gestaltet (es sei denn, man gönnt sich einen teuren Airporttransfer), habe ich die Nacht in einem Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs verbracht. Und trotzdem klingelt mein Wecker zu dieser unchristlichen Stunde. 

Erstaunlich, was an Gleis 103 im Hauptbahnhof (tief) zu so früher Stunde schon los ist. Bin wohl doch nicht die einzige, die so einen frühen Flieger hat. Zum Glück ist der Flughafen mit der S-Bahn verbunden und die geht alle 10 Minuten. So bin ich eine Stunde nachdem ich unsanft geweckt wurde, bereits am Airport. Gepäckaufgabe entfällt bei einem Tagestrip und die Bordkarte befindet sich auf dem Handy. Von dort lässt sie sich im entscheidenden Moment hoffentlich auch abrufen.


Gate B1 sagt die Bordkarte, die Anzeigentafel schweigt sich darüber noch aus. Egal, ich will Security hinter mich bringen. Sollte sich das Gate noch ändern, käme ich selbst in den A-Bereich rasch über den Verbindungstunnel.

 

Die Entscheidung war richtig, denn noch ist an der Sicherheitskontrolle nicht viel los. (das wird aber in einer halben Stunde schon ganz anders aussehen) Einzig das Bordkartenkontrollgerät, dass mir den Zugang gewähren soll, macht seltsame Warngeräusche, lässt mich aber doch passieren. 

Drei geöffnete Sicherheitsschleusen und nur wenige Leute vor mir. Das flutscht. Würde noch schneller gehen, wenn ich nicht immer die Schlange mit den Leuten erwischen würde, die unvorbereitet sind. Die immer erst am Band anfangen zu überlegen, ob und wo sie denn Flüssigkeiten und elektronische Geräte in den Tiefen ihres Handgepäcks versteckt haben. 

Der Ganzkörperscanner gibt grünes Licht (die Wahl der Schuhe war also richtig) und an meinem Handgepäck hat auch niemand was zu beanstanden. Geschafft!

 

 

Die Bestuhlung ist 2-2 und so habe ich mir seit längerem mal wieder einen Fensterplatz gegönnt. Gute Wahl, bei dem schönen, klaren Wetter.

 

 

Pünktlich setzt die Maschine am Chopin-Flughafen Warschau auf. Nach dem polnischen Komponisten, der uns heute noch öfter begegnen wird, ist er aber erst seit 2001 benannt. Davor hieß er einfach nur Warschau-Okęcie (nach dem Ort, an dem er sich befindet) 

Der Flughafen liegt recht nah zum Zentrum. Gerade mal 11 Kilometer sind es bis zur Altstadt. Es gibt ihn ja auch schon seit 1934. Da musste man noch nicht weit entfernt in der Pampa bauen.  

An Gate B1 wird noch der Flug vor uns abgefertigt. Unser Flieger sollte bereits da sein, denn der ist gestern Abend als letzter Flug von Warschau reingekommen und steht auf Außenposition. 

Da sollte es mit dem pünktlichen Boarden wohl  klappen. Tut es auch. Eine kleine Embraer 175 ist schnell gefüllt und dann hebt LO 384 pünktlich mit Ziel Warschau ab.

Gesnackt habe ich auf Kurzstrecke aber schon deutlich besser. Es ist ja auch nicht so, dass man auf einem nicht mal 2-stündigen Flug verhungern würde, aber ein Kaffee wäre zu dieser frühen Stunde schon ganz nett gewesen.

 

Seit 2012 ist er an das Schienennetz angeschlossen und man erreicht den Hauptbahnhof ca alle 15 Minuten nach nur             22 Minuten Fahrzeit. 

Etwas länger dauert es mit dem Bus 175, dafür fährt der aber bis zum Piłsudski-Platz in der Nähe der Altstadt.

Darum muss ich mich heute aber nicht kümmern. Am Treffpunkt wartet schon der Rest der Gruppe und dann geht es mit Minibus auf eine orientierende Stadtrundfahrt. 


Das ist gar nicht so einfach, wenn man nur fünf Stunden Zeit hat für die größte Stadt Polens. Trotz ihrer Größe ist es eine sehr saubere und vor allem grüne Stadt.

Unser erster Stopp ist dann auch gleich an einer der grünen Lungen der Stadt, dem Łazienki Park.

Zu verdanken hat ihn die Stadt dem König Stanislaw August Poniatowski und mit seinen fast 80 ha ist er jetzt nicht wirklich klein.

Die Hauptattraktion des Parks ist sicherlich der Wasserpalast, doch es gibt hier so viel zu entdecken, dass man gut und gerne ein paar Stunden einplanen könnte. Könnte, wenn man sie denn hätte. 

So beschränken wir uns auf einen Besuch bei Chopin.

Warschau ist sichtlich stolz auf den berühmten Sohn und man begegnet ihm hier auf Schritt und Tritt. 

1810 zog er im frühen Alter von 7 Monaten mit seiner Familie in die Stadt, erhielt später Klavierunterricht und war so talentiert, dass er bereits nach einem Jahr seine erste Komposition erstellte.

 Es folgten ein Musikstudium und viele private und öffentliche Auftritte. 1930 verliess er die Stadt und lebte bis zu seinem Tod in Paris. Aber auch er hatte sein Herz wortwörtlich an die Stadt verloren. Symbolisch schlägt es noch heute in einem Innenpfeiler der Heiligkreuzkirche. Auch seine Musik ist allgegenwärtig in der Stadt und man kann ihr auf einer von vielen Chopin-Bänken lauschen. 

Übrigens soll es auch einen Chopin-Zebrastreifen im Stil eines Klaviers geben. Noch ein Grund, für einen längeren Aufenthalt zurückzukehren.

Wir hetzen erstmal weiter über eine der Weichselbrücken und vorbei am Warschauer Nationalstadion.

In vier Jahren Bauzeit entstand hier rechtzeitig zur EM 2012 das modernste Stadion in Polen mit einer Kapazität von 58 000 Besuchern. Hat ja auch nur schlappe 500 Millionen Euro (nicht Zloty) gekostet.

Klar, dass hier das Eröffnungsspiel der EM 2012 Polen – Griechenland stattfand.

Die Fussballfans unter uns, wissen sicher wie das Spiel ausging. (Kleiner Tipp, der Sieg ging nicht an den Gastgeber)

 

 

Ein winziger Rest davon ist noch erhalten.

 

Doch nicht nur die Warschauer Juden lebten hier, sondern es wurden auch Juden aus anderen polnischen Regionen hierher deportiert. So lebten auf gerade mal 4 km² bis zu 500 000 Menschen. Dazu kam, dass den Ghettobewohnern nur 184 Kilokalorien pro Tag zustanden. Kein Wunder, dass sich Epidemien und Seuchen rasch ausbreiten konnten.

 

Ab Juli 1942 wurde begonnen das Ghetto aufzulösen. 

Vorbei am Warschauer Zoo mit seinem Bärengraben geht es zum nachdenklichen Teil des Tages. Wir fahren ins Warschauer Ghetto westlich der Altstadt. 1940 lebten gut 350 000 Juden in der Stadt, die meisten in eben diesem Stadtteil. Das war fast ein Drittel der Bevölkerung und somit die zweitgrößte jüdische Gemeinde der Welt. 

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen musste alle Juden der Stadt in diesen Bereich ziehen, der durch eine 18 Kilometer lange Mauer vom Rest der Stadt abgeriegelt wurde.

Dazu wurden die Menschen zum Umschlagplatz getrieben und von dort mit Güterzügen ins Vernichtungslager Treblinka gefahren. Daran erinnert heute ein Denkmal.


Neun Monate später kam es zum Aufstand, als das Ghetto endgültig aufgelöst werden sollte. Doch die verbliebenen 50 000 Menschen hatten gegen die bewaffnete Wehrmacht kaum eine Chance. 

Das Gebiet wurde abgebrannt und die Aufständischen getötet. 

Leider ist nur wenig aus jener Zeit erhalten geblieben, deswegen erinnern Denkmäler an die Geschichte, darunter auch das Denkmal der Ghettohelden und das Museum der Geschichte der polnischen Juden. 

Wir haben ja leider nur einen kurzen Einblick in den Ort des Grauens erhalten. Gerne hätte ich bei einer Tour zu Fuß durch das Viertel mehr erfahren. Noch ein Grund in die Stadt zurückzukommen.

Doch wenden wir uns einem schöneren Teil der Stadt, der Altstadt zu. Sie ist der älteste Stadtteil aus dem 13. Jhdt (theoretisch) und die Hauptsehenswürdigkeit.

Theoretisch der älteste Stadtteil, denn so ganz stimmt das ja nicht, wenn man die Geschichte betrachtet. Im Zweiten Weltkrieg wurde ganze Arbeit geleistet und fast 90% der Altstadt fiel den Bomben zum Opfer und wurde zerstört. Richtig alt kann eigentlich nur das Pflaster sein, die restlichen Häuser wurden rekonstruiert. 

Dabei hat man sich aber wirklich Mühe gegeben und auf kleinste Details geachtet. Hat sich bezahlt gemacht, denn seit 1980 ist die Altstadt Weltkulturerbe.

Zentrum ist der Rynek Starego Miasta, der Marktplatz mit der Nixe. Ja, auch Warschau hat seine kleine Meerjungfrau, auch wenn die weit weniger bekannt ist, als ihr Zwilling in Kopenhagen.

Apropos Nixe, leben die denn auch in Flüssen?

Einen Meeresstrand hat Warschau ja nun nicht wirklich zu bieten.

 

 

Muss wohl so sein, denn man erzählt sich, dass einem Kaufmann in der Weichsel eine Nixe ins Netz ging. Das sah ein Fischer und befreite sie mit Hilfe seiner Freunde. Da versprach ihm die Meerjungfrau, sein Dorf (Warschau) stets zu beschützen. Aus diesem Grund ziert sie auch das Wappen der Stadt. 

Von hier könnte man sich jetzt durch die engen Gassen treiben lassen, vorbei an den Kirchen der Altstadt. Könnte, wenn man denn die Zeit hätte.

So bleibt uns nur ein Blick auf die (theoretisch) älteste Kirche der Stadt, die Johanneskathedrale. Errichtet im 15.Jhdt, doch auch sie auferstanden aus Ruinen nach dem Zweiten Weltkrieg. Krönungen fanden hier statt und der Eid auf die polnische Verfassung wurde hier ebenfalls geleistet.

Direkt daneben die Jesuitenkirche von 1629 (theoretisch).

Ihr ahnt es sicher schon, auch sie wurde im Krieg zerstört und danach wieder aufgebaut.


Zwei Gassen rechts, zwei Gässchen links, vorbei am schmalsten Haus der Stadt. Auch hier gab es eine Fenstersteuer, ähnlich wie in den Niederlanden. Bedeutet, je mehr Fenster, je höher die Abgaben. Na, wer kann es entdecken? 

 

 

Aber, was macht die Glocke dort? Gegossen wurde sie 1646 für den Glockenturm von Jaroslaw. Dort hat sie aber kein einziges Mal geläutet. Ob es wohl daran lag, dass die Glocke Risse bekam?

 

Soviel zu deutscher Wertarbeit oder hat der Gießer einfach nur einen schlechten Tag? 


 

Ein letzter Blick auf das Königschloss 

 

 

und die Reste der Warschauer Stadtmauer und dann ruft schon wieder die Pflicht oder besser, es meldet sich der Magen, denn jetzt wäre Zeit für ein kleines Mittagsmahl.


Unser Bus steht schon bereit und bringt uns nur wenige Kilometer weiter in die Nowy Swiat zum Restaurant Dawne Smaki. Dort tun wir uns gütlich an leckeren polnischen Maultaschen, gefüllt mit Fleisch, aber auch Pilzen oder Sauerkraut. Gekrönt wird das ganze von einem warmen Schokokuchen mit Eis, der im wahrsten Sinne des Wortes zum Dahinschmelzen ist.

Truppe ist satt; was tun mit der verbleibenden Zeit von ca einer Stunde. Für einen Bummel durch die Altstadt reicht es nicht. Dann halt shoppen. Unser treuer Busfahrer lässt uns am Hauptbahnhof raus. Daneben ist das Złote Tarasy. 200 Läden laden hier zum Shoppen. Reizt mich jetzt aber so überhaupt nicht. 

 


Viel mehr weckt das Gebäude gegenüber meine Aufmerksamkeit. Irgendwie erinnert es mich an meine Moskaubesuche vor 30 Jahren. Kein Wunder, der Kultur- und Wissenschaftspalast (das klingt schon so sowjetisch) war ein Geschenk der Sowjet Union an das polnische Volk. Oder war es eher ein Machtsymbol der Russen? Zumindest haben sie sich ein Denkmal gesetzt, denn noch heute ist das 230 Meter hohe Gebäude das höchste im ganzen Land. 3500 Arbeiter haben drei Jahre rund um die Uhr daran gebaut und im Juli 1955 waren 3288 Zimmer auf 817 000 qm fertig. 

Übrigens besitzt es seit 2000 die höchste Turmuhr der Welt. Kann sich aber schnell ändern, wenn Dubai das spitz bekommt. 

Ich denke, dass auch die Einwohner von Warschau (die Touristen sowieso) sich inzwischen mit dem Turm arrangiert haben. Von der Aussichtsterrasse in 114 Meter Höhe hat man einen super Blick über die Stadt. Leider sind die Schlangen so lang, dass mir die Auffahrt bei der Stunde, die mir bleibt zu riskant ist. Noch ein guter Grund wieder in die Stadt zu kommen.

Für uns heißt es jetzt aber Bye-Bye Warschau. Wir müssen zurück zum Airport. 

Check-in entfällt, da fast jeder bereits die Bordkarte auf dem Handy hat. So bleibt uns noch ein wenig Zeit für den Besuch der Lounge. Mit unserem Eco-Ticket hätten wir uns den Zugang auch gegen EUR 20.00 kaufen können, aber wir sind heute Gast der LOT. Wobei ich den Betrag für die Leistung absolut in Ordnung finde. Es gibt genügend Sitzplätze, Snacks und Getränke. Mit dem richtigen Ticket oder Status kann man sich dann auch in den hinteren, ruhigeren Teil zurückziehen. 

Schon bald ist aber Boarding und mit etwas Verspätung heben wir ab Richtung Frankfurt. Macht aber nichts. Flugpläne haben einen gewissen Zeitpuffer eingebaut, sodass wir fast pünktlich landen. 

Kostenlose Flughafenrundfahrt inklusive, da unser Flieger am äußersten Ende des Flughafens parkt. 

Ach ja, auf dem Rückweg gab es dann auch Kaffee.

Mein Fazit: LOT kann man durchaus empfehlen (über den fehlenden Kaffee auf dem Hinflug, sehe ich jetzt mal großzügig hinweg). 

Der Flughafen Warschau ist sehr übersichtlich, da dürfte auch ein Umsteigen auf Langstreckenflüge kein Problem sein. 

Die Stadt Warschau mit ihrer Kombi aus modernen Wolkenkratzern und den Spuren der Vergangenheit hat mir Lust auf mehr gemacht. Ich komme bestimmt wieder.