vive la Seine

Ich war ja bereits im November 2016 auf Frankreichs Flüssen unterwegs und es war ein tolles Erlebnis. In diesem Jahr werde ich mir die Seine vornehmen. In sieben Tag geht es von Paris durch die Normandie bis an die Atlantikküste. Es ist erst September, da sollte das Wetter hoffentlich mitspielen.


auf nach Paris

16.09.2017

15°C
15°C
520 km
520 km

Eigentlich bin ich ja der Flieger und weniger der Bahnfahrer, aber von Mannheim nach Paris macht das Flugzeug nicht wirklich viel Sinn. Mehrmals täglich fährt von hier ein direkter Zug an die Seine und so stehe ich pünktlich um 07:38 Uhr am Gleis 1 und warte auf den ICE. Ich wäre ja viel lieber mit dem TGV gefahren, aber der war leider bereits ausgebucht.  


Mit nur 15 Minuten Verspätung erreichen wir Paris Gare de l'Est. Das kann man wohl noch als pünktlich durchgehen lassen. 

Da ich meine Anreise selber organisiert habe, kann ich nicht den Arosa-Transfer zum Schiff nutzen. Außerdem bin ich dafür auch viel zu früh.

Die Fahrkarte ist schnell gekauft (ganze 2.80 € kostet mich der Spaß). Mit der Linie H geht es dann eine Station bis St Denis. 

Hier heißt es denn richtigen Ausgang wählen (Rue Charles Michels) und den Bus 274 finden. 

Jetzt stehe ich vor der Wahl, entweder ein Taxi für viel Geld oder mit den Öffentlichen weiter. Ich habe nicht viel Gepäck, dafür noch reichlich Zeit und ich bin geizig, also fällt die Wahl auf die Öffentlichen. Das Schiff liegt draußen in Saint Denis. Um dort hin zu kommen, muss ich erst mal den Bahnhof wechseln. Zum Glück liegen Gare de l'Est und Gare du Nord nur wenige Minuten voneinander entfernt und der Weg ist sogar ausgeschildert. 


Der bringt mich dann in wenigen Minuten (2 Stationen) in die Nähe des Anlegers. Man könnte auch vom Bahnhof St Denis laufen (ca 900 Meter), aber die Gegend wirkt nicht so wirklich vertrauenerweckend. Viel schneller wäre ich mit dem Taxi sicher auch nicht gewesen, hätte aber locker das 10fache bezahlt. 

Von der Bushaltestelle sind es nur wenige Schritte und ich stehe vor dem Schiff.

Ganz schön riesig wirkt die VIVA auf mich. Irgendwie kam mir die Stella letztes Jahr kürzer vor (ist sie aber nur unwesentlich) 

Es fängt an zu tröpfeln und ich bin froh, dass ich schon an Bord kann. Kabinenverteilung ist zwar erst um 14:00 Uhr, aber ich mache es mir einfach so lange in der Bar mit einem belegten Brötchen gemütlich.

  

a-ROSA VIVA 

 

Neptun Werft GmbH, Warnemünde

Flagge: Deutschland 

Baujahr: 2010

Geschwindigkeit: 22km/h 

Länge: 135 m

Breite: 11.4 m 

Kabinen: 99


Pünktlich um 14:00 Uhr sind dann die Kabinen bezugsfertig. Auch in diesem Jahr habe ich mich wieder für eine Kabine auf dem unteren Deck entschieden. Nicht, dass ich mir die Balkonkabinen nicht leisten könnte, aber ich liebe diese Bullaugen und wenn nachts die Wellen gegen meine Kabine schlagen, kommt bei mir erst das richtiges Kreuzfahrtgefühl auf.

Wichtiger ist sowieso, dass "exclusive" auf der Bordkarte steht.



Zuhause fühle ich mich auf den Schiffen jedes mal, kaum bin ich an Bord. Irgendwie ist das ganze Schiff eine riesige Familie. Da trifft man den Mann für alle (Problem)fälle bezüglich Kabine im Gang und schon kommt man ins Gespräch. Wo gibt es denn das auf einem 4000-Passagier-Kreuzfahrer.

Bevor wir jetzt aber unsere Bordkarte das erste Mal zum Glühen bringen, muss die obligatorische Sicherheitsunterweisung sein. Zum Glück nur in Form einer Präsentation und nicht in echt mit Schwimmwesten an Deck. Ich frage mich allerdings, ob das nicht wie im Flieger ist, wo auch keiner zuhört. Wäre mal einen Test wert, ob bei einem Probealarm wirklich jeder mit Schwimmweste dort wäre, wo er zu sein hätte.

bei der Jungfrau von Orleans

17.09.2017

15°C
15°C
216 km                    4.Schleusen
216 km 4.Schleusen

In der Nacht hat unsere VIVA gute 200 Kilometer zurückgelegt und dabei bereits vier Schleusen passiert. Kurz nach dem Frühstück erwartet uns in Amfreville dann die letzte Schleuse auf unserer Fahrt Richtung Meer. Stolze vier Meter werden wir abgesenkt und von nun an sind wir Tide abhängig.


Tag zwei an Bord kann ich erst mal gemütlich angehen und wie sich das für einen Sonntag auf See (äh Fluss) gehört, bittet die Crew zum Matinee auf dem Sonnendeck. Ok, letzteres ist eher Wunschgedanke, denn bei zur Zeit noch 8°C wäre das keine so gute Idee. Das Matinee mit leckerer Quiche und den passenden französischen Songs findet aber trotzdem statt. Dann halt in der Lounge. Tut dem ganzen aber keinen Abbruch.



Schade finde ich nur, dass die VIVA keine schöne Panoramalounge hat, wie die STELLA. Da hatte man selbst bei Wind und Wetter den Blick nach vorne auf den Fluss. 

Da wir gestern eine Stunde früher abgelegt haben und der Kapitän das Gaspedal durchgetreten hat (oder weniger Zeit in den Schleusen gebraucht hat), laufen wir bereits um kurz vor 13:00 Uhr in der Stadt der 100 Türme ein. Ganz ehrlich, selbst wenn ich die Hochhäuser mitzähle, komme ich nicht auf 100 Türme. Da muss aber einer beim Zählen schon mehr als doppelt gesehen haben.

 

Egal, mir gibt die frühe Ankunft zwei Stunden mehr für die Stadt Rouen und das ist im Nachhinein betrachtet auch gut so. Um 13:00 Uhr bin ich startbereit und warte nur, bis der Kapitän das Schiff freigibt. Das geht im Gegensatz zu den großen Ozeanriesen recht flott. 

 

Flüsse als Handelswege zogen schon immer Menschen an und so ist es kein Wunder, dass schon die Kelten hier siedelten. Denen kamen die Gezeitenströmungen sicher gelegen, denn je nach Tageszeit konnte man sich stromauf oder stromab treiben lassen. Durch die günstige Lage am Fluss, entwickelte sich die Stadt im Laufe der Jahrhunderte zu einem wichtigen Umschlagplatz. Doch auch von Kriegen, Belagerungen und Überschwemmungen wurde sie nicht verschont. Besonders schlimm hat es sie zum Ende des Zweiten Weltkrieges erwischt, als im Sommer 1944 die Bomben fielen. 

Zum Glück wurde Rouen im alten Stil wieder aufgebaut und so kann man noch heute die mittelalterliche Altstadt bewundern.

Die gehört zum größten Teil den Fußgängern und so mache ich mich denn auf den Weg. Leider hat die Konkurrenz den eindeutig besseren Liegeplatz ergattert, so dass ich erst mal einen guten Kilometer an der Uferpromenade entlang Richtung Altstadt marschiere. Dann gilt es noch die Hauptverkehrsstraße entlang des Ufers zu überqueren. Zum Glück sind wir ja nicht in Indien, sondern in Frankreich, wo es Fußgängerampeln gibt, was die Sache sehr vereinfacht.

Soll ich mal mit etwas Gruseligem anfangen?

Dazu muss ich auf dem Weg zur Kathedrale nur einen kleinen Schlenker zum Place-de-la-Haute-Ville-Tour machen. Hier steht die Fierté St-Romain. Ist jetzt eigentlich nichts besonderes, doch es rankt sich eine Legende um den Renaissance-Vorbau. 

 

 

St Romain hatte sich vorgenommen, das Flussungeheuer zu bezwingen, aber keiner wollte ihm helfen (kann ich gar nicht verstehen). Da holte er sich einen zum Tode Verurteilten als Helfer. Der konnte sich schließlich nicht wehren und gestorben wäre er sowieso. Es gelang ihnen aber das Ungeheuer zu besiegen und zum Dank erhielt der Verurteilte die Freiheit zurück. Seit diesem Tag wurde einmal im Jahr an jener Stelle ein solcher begnadigt (ohne, dass er mit einem Ungeheuer hätte kämpfen müssen) 

Vom Vorbau aus hat man bereits einen ersten Blick auf die Kathedrale.

Wenige Schritte später stehen ich dann davor.

Ich bin ja eigentlich nicht so der Historiker und muss nicht unbedingt bei jedem Bauwerk wissen, wer was wo wann und warum getan hat, aber die Kathedrale von Rouen hat echt schon viel erlebt. Geplündert nach Wikingerangriffen, Schauplatz von Krönungen und Bestattungen der Normannischen Herzöge und Zerstörungen in Religionskriegen und Revolutionen haben an ihrem Äußeren genagt.

Selbst ein Orkan im Jahre 1683 verschonte das Bauwerk nicht. Noch einen drauf setzte der Bombenangriff der Alliierten im April 1944 und nur dem Steinmetz ist es zu verdanken, dass ich heute vor dem Portal stehe.

 

 

 

Ihre Türme habe ich ja schon bei der Anfahrt bewundern können. Jetzt stehe ich direkt davor. 

Links der St. Romain Turm mit seinen Sonnen aus Gold und rechts der Butterturm. Nein, der ist nicht aus Butter, aber wie kam er zu seinem Namen? Für Geld erlaubt die Kirche auch mal Regeln zu brechen. In diesem Fall die Regel, in der Fastenzeit keine Butter oder Milch zu verzehren. Reiche Bürger durften sich von dieser Regel freikaufen und die Kirche bekam von diesem Geld ihren Butterturm. (mit päpstlicher Erlaubnis, wohlgemerkt)


Alles überragend dann in der Mitte der Vierungsturm. Der hat seine eigene Geschichte. 1514 mal eben unter seinem eigenen Gewicht zusammengebrochen (ja, wenn man zu hoch baut) und immerhin für 3 Jahre das höchste Gebäude der Welt (mit stolzen 151 Metern) Und wer hat den Rekord 1880 eingestellt? Der Kölner Dom. Den höchsten Kirchturm Frankreichs hat die Kathedrale aber bis heute – immerhin. 

 

 

 

Im Inneren beeindruckt die riesige Orgel, die geschnitzten Chorstühle und die farbenprächtigen Fenster. Natürlich ist auch eine Kapelle der Magd von Orleans gewidmet. Na, wer ist das wohl? Wir werden der Dame heute noch mehrfach begegnen. Übrigens sind hier auch zwei Wikinger begraben.

Genug Kirche für den Anfang, aber ich fürchte in einer Stadt der 100 Türme werden wir noch auf ein paar mehr treffen. 

Weit ist es von hier nicht mehr zum Antiquitätenviertel der Stadt mit seinen engen Gassen und den vielen schönen Fachwerkhäusern. Die ersten begegnen mir bereits  kurz hinter der Kathedrale und weitere auf dem Platz vor der Kirche St-Maclou.

Bei dem einen oder anderen Gebäude habe ich ja den Verdacht, dass der Architekt oder der Baumeister zu tief ins Calvados-Glas geschaut haben, so schief sind die.  

 

Man sollte sich echt Zeit nehmen beim Bummel durch die Gassen und die Blicke schweifen lassen. Denn nur so entdeckt man sehenswerte Steindekorationen, alte Holztüren und Türklopfer.


Doch zurück zur Kirche. Die hat weitere drei Türme beizusteuern. Was ich an diesen Gotteshäusern ja vermisse, sind meine Freunde die Wasserspeier. Nur vereinzelt sind sie hier zu entdecken. Dafür geizen sie nicht mit filigranen Portalbögen. 

 

 


 

Wollen wir uns jetzt noch mal gruseln? Kein Problem. Keine Kirche ohne Friedhof und gleich um die Ecke treffen wir auf das Aitre St-Maclou. Das bedeutet einfach nur Hof und genau hier wurden Menschen beerdigt.

Wie in so vielen Städten, wütete im Mittelalter auch in Rouen die Pest. Da war der Hof irgendwann zu klein und man baute die Dachstühle der umliegenden Gebäude zu Beinhäusern aus. Ob die Jungs, die in den Gebäuden unterrichtet wurden das wohl gruselig fanden? Knochen findet man hier heute keine mehr, aber unterrichtet wird noch immer.

 

 

 

An das anschließenden ehemaligen Viertel der Tuchfärber erinnert nur noch ein winziger Strom und die Dachspeicher, an denen die Tücher getrocknet wurden. 

Ich will mich jetzt aber noch ein wenig durch das alte Rouen mit seinen vielen schönen Fachwerkhäusern treiben lassen. Dass sich Maler bei diesem Anblick zu Bildern haben inspirieren lassen, kann ich durchaus verstehen.


 

 

 

Soll ich mir jetzt noch eine Kirche antun? Bin ja schließlich in der Stadt der 100 Türme. Da ich schon mal da bin, werfen ich einen kurzen Blick in die Kirche St-Ouen. Sie ist im Inneren 137 Meter lang und 33 Meter hoch. Durch ihre sehr schlanken Pfeiler wirkt sie auf mich aber viel, viel höher. 

 

Zu meiner hellen Freude, gibt es hier Wasserspeier ohne Ende, doch die Schlange am Eingang ist mir viel zu lang und so verzichte ich auf einen Besuch. Ist halt blöd, wenn vier Schiffe am Kai liegen und ihre Passagiere in die Stadt entlassen.

Gegenüber beginnt eine der vielen Fußgängerzonen und bringt mich zum Justizpalast. An dem wurde angeblich über Jahrhunderte gebaut. Da wundert es einen doch, dass er sehr einheitlich wirkt. Kein Wunder, hat sich doch jeder Baumeister ganz genau an das gotische Vorbild gehalten. Hat man ja nicht immer so. 

 


Nicht anders verhält es sich am Gros Horloge. Der Blick vom Turm ist sicher fantastisch, aber die Aussicht auf eine ewige Wartezeit schreckt mich dann doch ab.

 

Ist euch aufgefallen, dass die Uhr keine Minutenzeiger hat. Denen ist nicht etwa das Geld ausgegangen, sondern Minuten und Sekunden waren zu jener Zeit völlig unwichtig. Dafür gibt es aber einen Mondkalender. Der war fast wichtiger als die Uhrzeit.

Bekanntlich sind die Gezeiten und damit der Wasserstand unter dem Kiel ja von den Mondphasen abhängig. Da war es schon praktisch, wenn die Kaufleute mit einem Blick auf die Uhr erkennen konnten, ob ihre Ware es denn noch bis Rouen schaffen würde und wann.

Damit ist meine Tour durch Rouen fast beendet, doch ein Stopp fehlt noch. 

Kommen wir zurück auf jenes Bauernmädchen aus Lothringen. Die hatte sich im zarten Alter von 13 Jahren in den Kopf gesetzt, gegen die Engländer zu kämpfen. Nicht ganz unschuldig daran waren die heilige Katharina und der Erzengel Michael. Wir schreiben das Jahr 1419 und Heinrich IV aus England hatte Rouen erobert und die Normandie besetzt. Johanna, so hieß das Mädel, kämpfte zuerst erfolgreich, doch Verrat brachte ihrem Siegeszug ein Ende. Sie wurde verurteilt und starb 1431 auf dem Scheiterhaufen. Ich bin sicher, jeder weiß inzwischen, dass von Jeanne d'Arc oder auch der Jungfrau von Orleans die Rede ist und ich stehe hier auf historischem Boden.

Hier loderte der Scheiterhaufen auf dem Johanna den Tod fand. Ein riesiges Kreuz erinnert an die Stelle.

 

 

 

Auch die moderne Kirche St Jeanne d'Arc erinnert an die Heldin. Die ist im Inneren so ganz anders, als normale Kirchen. 


Nach dem Abendessen begebe ich mich noch mal Richtung Kathedrale. Jetzt wünschte ich mir doppelt, unsere VIVA hätte den Platz direkt an der Pont Boieldieu erhalten. Von dort wären es nur wenige Schritte bis zur Kathedrale gewesen. Ich muss aber wieder die 1.5 Kilometer von unserem Liegeplatz am Kai entlang. Der wirkt jetzt bei Nacht doch etwas leer und verlassen (und ein klein wenig unheimlich). Ich bin aber mit Schirm und Stativ bestückt und werde nicht zögern beides als Waffe einzusetzen, sollte mir einer zu nahe kommen.

 

Warum will ich aber zu dieser Zeit überhaupt noch mal zur Kathedrale zurück? Noch bis zum 23.09. wird sie am Abend kunstvoll angestrahlt und erzählt dabei die Geschichte von Jeanne d'Arc. Glück für uns, dass das Schiff über Nacht im Hafen liegt und gutes Timing, denn heute ist das letzte Mal in dieser VIVA-Saison, wo ein Besuch des Schauspiels noch möglich ist.

Auch den Rückweg zum Schiff habe ich schadlos überstanden. Zugegeben, ich war auch doppelt so schnell, wie noch heute Morgen.

 

Zur Beruhigung der Nerven muss jetzt ein Cocktail her oder auch zwei. Das schöne ist ja, dass die mit Exklusiv-Karte kostenlos sind. Da könnte ich auch nach dem zweiten noch überlegen, ob meine Nerven noch zittern. 

 

 



Morgen geht es erst mal ohne unser Schiff weiter gen Küste. Auf der sieben-tägigen Tour wird leider nicht bis Le Havre gefahren, sondern das Schiff kehrt bereits in Cuadebec-en-Caux wieder um. Trotzdem werden wir die Küste sehen.

vive la Seine (2)