Kunst in Münster

Ich bin der absolute Kunstbanause und mach sogar um berühmte Museen, wie Louvre, Prado oder National Gallery einen großen Bogen. Um so erstaunlicher, dass es mich dieses Jahr nach Münster zur Ausstellung "Skulptur Projekte“ zieht. Zugegeben, der Besuch hatte einen anderen Grund. Wie ich den Kulturschock verarbeitet habe? Seht selber.

Zwischenstopp in Köln

23.06.2017

250 km
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28°C
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Einen günstigen Sparpreis gab es bei der Bahn nur noch im IC um 18:30 ab Mannheim. Der war zum Glück sogar fast pünktlich. Da die Hotelzimmer in Münster wegen der Kunstausstellung so extrem teuer waren, geht es für uns heute nur bis Köln Deutz.

 


Das Radisson Blue liegt nicht zu weit vom Bahnhof am Messegelände. Ich mag ja Hotels mit einem Atrium als Eingangshalle und auch das Zimmer war sehr geräumig, wenn auch mit ersten Abnutzungserscheinungen im Bad. Was ich in Zeiten von Handy & Co aber gar nicht verstehen kann, ist das Fehlen einer Steckdose am Bett. 



Skulpturen auf der Spur

24.06.2017

25°C
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Am nächsten Morgen geht es mit dem Bummelzug weiter nach Münster.

 

Dort wird heute nach 4 Jahren Bauzeit endlich der Hauptbahnhof eröffnet.

40 Millionen Euro hat das gute Stück gekostet. 

 

Wir haben noch ein paar Minuten Zeit, bevor wir uns mit Freunden treffen. Zeit für eine Runde durch die neue Eingangshalle mit kostenlosem Genuss einer Brezel und eines Sekt-Orange.

So gestärkt, kann ich mich jetzt auf den Kunstgenuss der etwas anderen Art einlassen.


Münster ist ja Fahrradhauptstadt von Deutschland. Hier kommen 500 000 Fahrräder auf 300 000 Einwohner und ich wage ja zu behaupten, dass hier mehr Drahtesel als Autos unterwegs sind.

 

Sogar einen Highway haben die für ihre Radfahrer. Das ist die Promenade, wo einst die Stadtmauer stand und die deshalb praktischerweise rund um die Altstadt führt. Autos sind hier nicht zugelassen, wohl aber Fußgänger. 

Und weil man sein gutes Stück ja auch mal abstellen muss, gibt es in der Stadt sogar drei Fahrradparkhäuser mit zusammen 3500 Stellplätzen. Dass in der Stadt jeder 6. Straftat ein Fahrraddiebstahl ist, ist zwar traurig, aber sicher nicht verwunderlich.

 

 

 

Wir sind heute aber hier um uns einige der Skulptur Projekte anzuschauen. Alle zehn Jahre werden Künstler aus aller Welt eingeladen, um sich in der Stadt zu verwirklichen. Manche der Skulpturen sind vergänglich, andere bleiben dem Stadtbild erhalten. In diesem Jahr sind es 35 Kunstwerke, verteilt über die ganze Stadt. 

Zu Fuß kommen wir da an einem Tag nicht weit, also muss ein Fahrrad her (und auch damit schaffen wir nur 7). Mit dem Fahrrad kommt ein Guide von K3-Stadtführungen (oder umgekehrt?)

 

Jedenfalls ist der in der Lage sogar mir die Kunst schmackhaft zu machen. Was aber nicht heißt, dass ich die Kunstwerke auf unserem Weg nicht mit anderen (eigenen) Augen sehe. 

 

Dann schwingen wir uns mal aufs Fahrrad und schon geht es los. Wenn ich gewusst hätte, auf was ich mich da einlasse. Fahrradfahren in Münster ist wie Autofahren in Delhi oder Kairo und dann muss ich als Ortsfremder noch schauen, dass ich meine Gruppe nicht verliere.

Nach meiner Steckdosen-Erfahrung der letzten Nacht, könnte mein Handy jetzt noch ne Ladung vertragen, bevor es los geht. (Damit ich Kontakt aufnehmen kann, wenn die Ampelschaltung für mich nicht mehr reicht und die Gruppe plötzlich fort ist) 

 

Kein Problem. Hier, mitten in der Stadt gibt es doch eine Ladestation und die ist auch noch Teil des Projektes.

Der Künstler Aram Bartholl hat gleich drei Projekte am Laufen mit den sinnigen Namen 12V, 5V, 3V.

5V ist unser erstes Ziel. Was wir sehen ist ein großes Lagerfeuer und eine Person, die einen Stock hinein hält. Am anderen Ende ist leider kein Stockbrot oder gar Marshmallows. Wie sollten die auch in der Lage sein mein Handy zu laden. Nein, am Ende des Stocks hängt ein Generator und der verwandelt die Hitze des Feuers in Strom. Vielleicht sollte man aber doch ein paar Stöcke mit Brot bereit halten. Bis mein Handy geladen ist, bin ich verhungert. 

Irgendwie mag ich den Künstler aber. Der hat auch schon USB-Sticks als tote Briefkästen in der Stadt einmauern lassen.

 

Hier kann man nur den Blick auf eine Brachfläche werfen, auf der einst die Oberfinanzdirektion Münster stand. Damit bin ich raus, denn als Nicht-Münsteraner kann ich nicht erkennen, dass die Treppe sich an der architektonisch auffälligen Treppenanlage orientiert, die einst den Haupteingang zierte.

  

 

 

Dass die Straßenlaterne früher auf dem Parkplatz vor dem Gebäude stand, kann ich mir gerade noch denken. Ehrlich gesagt, finde ich die Konstruktion von unten viel interessanter und die Bierflasche gibt dem ganzen einen Touch von Stil-leben 

 

Das nächste Projekt von Christian Odzuck erinnert mich ein wenig an meine ersten Reisen nach Berlin. Damals stand die Mauer noch und in der Nähe von Checkpoint Charlie gab es auch so ein Gebilde. "Mauer gucken“ war angesagt, wenn man dort hin ging, denn vom Podest aus konnte man einen Blick über die Mauer auf den Todesstreifen werfen.


 

Von der Verschalung aus Holz ist nichts mehr da, alles bereits verfeuert und auch in der Umgebung gibt es nicht mehr viel Holz, um das Feuer am Brennen zu halten.

Das Projekt läuft noch bis Ende September. Will man die Skulptur nicht umbenennen, sollte vielleicht mal eine neue Verschalung her. Wäre doch schade wenn dem Ofen das Feuer ausgehen würde. 

 

Ohne Guide hätte ich das nächste Kunstwerk von Oscar Tuazon sicher übersehen, liegt es doch in einem verlassenen Industriegebiet am Kanal. Ein Ort, den man normalerweise eher nicht betritt, um sich keinen Ärger einzuhandeln.

"Burn the Formwork“ heißt das Kunstwerk und das haben die Münsteraner in nur zwei Wochen bereits geschafft.

Kohle für Verzierungen und dumme Sprüche ist übrigens noch genug da.


Wir folgen dem Kanal und erreichen nach kurzer Zeit den Binnenhafen der Stadt. Zum Glück wird er nicht mehr als Hafen genutzt, denn sonst hätte das Projekt "On Water“ von Ayşe Erkmen nicht entstehen können. Das wäre echt schade gewesen, denn es ist mein Lieblingsprojekt der Tour.

 

 

 

Ich wollte schon immer mal barfuß über Wasser wandeln und hier kann ich es. Soll ich jetzt wirklich den Trick verraten oder alle in dem Glauben lassen, ich könne es tatsächlich?

Da es mir sowieso keiner glaubt, hier die Lösung. Zwischen Süd- und Nordkai wurden Seefracht-Container versenkt und mit Gitterrosten knapp unter der Wasseroberfläche belegt. So entstand eine Wasserbrücke zwischen den Ufern.

Und keine Sorge, sollte wirklich jemand mal daneben treten, sind die Jungs von der DRLG sofort zur Stelle.

 

 

Von hier geht es wieder zurück Richtung Innenstadt. Am Ludgeriplatz steht das "Momentary Monument“ von Lara Favaretto. Sieht eigentlich ganz massiv und dauerhaft aus und doch soll es nach der Ausstellung keinen festen Platz im Stadtbild erhalten.

Der Granit-Monolith steht da einfach so in der Gegend herum. Innen ist er hohl und von außen hat er (Kratz)Spuren, als hätte ein Bär oder Tiger seine Krallen an ihm gewetzt. (oder ein Löwe, wie am Dom zu Braunschweig).

Betrachtet man ihn genauer, entdeckt man einen Schlitz, der zum Einwerfen von Geld animiert. Und genau das soll er auch. Der Klotz ist nichts weiter als eine riesige Spardose. Ich hätte den Schlitz ja ein wenig höher gesetzt. Zum Ende der Ausstellung wird das Schwein (äh der Monolith) dann geschlachtet. Der Schotter wird für was auch immer verwendet und das Geld kommt einem guten Zweck zu. Mich würde aber viel mehr interessieren, wie viele Handys man wohl beim Schlachten findet. Der Schlitz animiert nämlich nicht nur zum Geldeinwurf, sondern auch dazu mit dem Handy ein Foto vom Inneren zu machen. Also immer schön festhalten, das gute Stück. 

Wir reihen uns jetzt in den Strom der vielen Radfahrer auf der Promenade ein. Wer jetzt aber glaubt auf dem Fahrrad-Highway ließe es sich gemütlich fahren, der irrt. Auf dem Weg selber fahren zwar keine Autos, aber immer wieder kreuzen Straßen und die Verkehrsdichte auf dem Highway entspricht der einer deutschen Autobahn zur Rushhour.

Schon bald sind wir am nächsten Objekt. Das sieht aus, als wäre aus einer Kletterwand ein Stück heraus gebrochen und auf die Wiese geknallt. Würde man sie lassen, würden Kinder den Felsen sicher rasch erobern. (Meine Drachen waren jedenfalls schneller oben, als ich gucken konnte) 

Das Ding ist von Justin Matherly und nennt sich Nietzsche’s Rock. 

Schaut man genau hin (oder riskiert einen Blick durch die vielen Löcher und Risse), erkennt man, dass der Felsen auf Gehböcken ruht. Schaut man nicht so genau, scheint er zu schweben. Wer übrigens schon mal im Oberengadin war, dem mag der Fels bekannt vorkommen. Dort am See von Silvaplana steht nämlich das Original.


Da sich keiner verfahren hat (auch ich nicht) und wir die Grünphasen der Ampeln perfekt nutzen konnten, haben wir noch Zeit und können ein letztes Projekt am Highway anfahren.

 

Nicole Eisenman hat hier ihr Projekt "Sketch for a Fountain“ verwirklicht. Skizze, weil es wirklich noch sehr unfertig aussieht. Mit dieser Figurengruppe am See kann ich aber etwas anfangen, auch wenn ich sie wahrscheinlich anders interpretiere als die Künstlerin. Für mich ist das eine Gruppe Menschen, die sich am Brunnen trifft, um einen gemütlichen Nachmittag zu verbringen mit essen, trinken, erzählen und was man sonst so tut. Unfertig, da manche Figuren aus Gips sind und die Ausstellung vielleicht nicht heil überleben. Unfertig, da das Wasser aus ganz verkehrten Stellen sprudelt. Trotzdem ist dies, neben der Wasserbrücke, mein Lieblingsobjekt der Tour.

So viel Kunst macht eindeutig hungrig und so lassen wir uns zum Abschluss ein leckeres Mal schmecken, bevor es zurück ins Hotel geht.

Da die Hotelpreise in Münster für dieses Wochenende unverschämt hoch waren, bin ich auf den Stadtteil Hiltrup ausgewichen. Das Hotel liegt wunderschön am Kanal.

Mein Zimmer unter dem Dach ist sehr groß und diesmal auch mit Steckdose am Bett.

Schade nur, dass es keine Frühstücksterrasse gibt. (Die tolle auf dem Bild gehört leider zum verpachteten Restaurant)