Siegfried versus Luther

Worms nennt sich selber Nibelungenstadt und das wohl mit Recht. Hier soll der sagenhafte Nibelungenschatz im Rhein versenkt und Siegfrieds letztes Stündlein geplant worden sein.

 

Doch es gibt noch einen zweiten großen Sohn der Stadt, nämlich Luther. Dem haben wir zwar dieses Jahr einen zusätzlichen Feiertag zu verdanken; trotzdem werden wir heute hauptsächlich auf den Spuren der Nibelungen wandeln. Worms ist sozusagen unser Tor zum Nibelungenweg.

Von daheim ist es mit der Bahn nicht wirklich weit nach Worms. Unübersehbar das Schild am Bahnhof. Wir sind in der Nibelungenstadt (und kein Wort über Luther – ok, Lutherstadt nennt sich ja auch schon eine andere deutsche Stadt)

Deshalb ist es sicher auch nicht verwunderlich, wenn uns schon nach wenigen Schritten der erste Drache begegnet. Und mal ganz ehrlich, sieht der etwa gefährlich aus? Drachen sind freundliche und dem Menschen wohlgesonnene Kreaturen, wenn man sie in Ruhe lässt. Die alten Chinesen haben das längst erkannt, nur in Europa gilt er immer noch als böse. Wäre ich auch, wenn man mir dauernd nach dem Leben trachten würde. Wir stehen jetzt jedenfalls vor der Darstellung des Nibelungenliedes und da gehört der Drache dazu. Genauso, wie der Streit der Königinnen und die Ermordung Siegfrieds.

 

Hatte ich schon erwähnt, dass auch Luther dereinst Zeit in Worms verbrachte. Zugegeben, nicht viel Zeit. Gerade mal zehn Tage hielt er sich in der Stadt auf, doch die veränderten die Welt. Ein Unruhestifter war er in den Augen seiner Gegner, weil er zu den Ursprüngen des christlichen Glaubens zurückkehren wollte. Seine Schriften kamen nicht überall gut an und der Papst hatte ihn bereits exkommuniziert. Kaiser Karl V gab ihm 1521 auf dem Wormser Reichstag aber noch eine Chance und Luther wurde vorgeladen, um sein Tun doch bitte zu überdenken. Was er tat, doch er blieb seinem Standpunkt treu und galt fortan als vogelfrei. Immerhin gewährte ihm der Kaiser 21 Tage Schonfrist, um sich in Sicherheit zu bringen. Nächste Station war dann die Wartburg, doch das ist eine andere Geschichte.

 

Einen bleibenden Eindruck muss er wohl in Worms hinterlassen haben, denn hier steht ihm zu Ehren das größte Lutherdenkmal der Welt. Martin mit Bibel im Mittelpunkt, umringt von seinen Vorgängern.

 

 

 

 

 

Gleich um die Ecke steht das Schicksalsrad der Stadt. Das dreht sich tatsächlich und zeigt nicht nur die bedeutenden Ereignisse der Stadt, sondern auch die aus dem Alltagsleben des kleinen Mannes. Unser Drache darf da natürlich nicht fehlen und auch die streitenden Königinnen müssen ordentlich Eindruck hinterlassen haben, denn auch sie sind hier verewigt. (na, wer hat sie entdeckt?)

 

Ein Blick auf den Stadtplan von Worms und ich habe das Gefühl, die Stadt hat mehr Kirchen als Rom. (Im Vergleich zur Größe natürlich) Bevor wir uns den Kaiserdom etwas genauer anschauen, ein Blick auf die restlichen Gotteshäuser der Stadt:

leiben wir bei Luther und beginnen mit der Dreifaltigkeitskirche. Die ließ der Magistrat der Stadt etwa 200 Jahre nachdem der entscheidende Satz Luthers fiel, hier zur Erinnerung errichten. Hier, wo einst das Rathaus und die alte Münze standen. Wo sonst hätte der Reichstag stattgefunden haben sollen. Vielleicht sollte man manchmal einfach die Geschichtsbücher studieren. Luther trat nämlich an ganz anderer Stelle vor den Kaiser. Doch dazu später mehr.

 

Weiter geht es mit Geschichten um die Wormser Kirchen. Wer kennt nicht den heiligen Martin, dem wir die Martinsgans und die Laternenumzüge zu verdanken haben. Es war mal wieder Krieg in Gallien und Kaiser Julian rief vor der Schlacht seine Soldaten zusammen, um ihnen eine Prämie zu übergeben. Unter ihnen auch Martin, der als Christ nicht kämpfen wollte und daher die Prämie ablehnte. Der Kaiser legte das als Feigheit und Dienstverweigerung aus. Feige war und wollte Martin nicht sein und bot an, unbewaffnet und ohne Helm und Schild durch die Reihen der Feinde zu marschieren. Dienstverweigerung wäre es trotzdem gewesen und so wurde er im Kerker des Marienstifts inhaftiert. Die Nacht im Kerker hätte er sich ersparen können, denn zum Kampf kam es nicht mehr, da die Germanen sich ergaben.

Immerhin hat er es aufs Kirchdach geschafft, wenn auch nicht als "Wetter-Martin". Das blieb dem Drachen in Lindenfels ja verwehrt.

(siehe Niebelungenweg Teil 5)


Worms ist aber auch eine jüdische Stadt und so befand sich hier einst die erste Steinsynagoge in Deutschland.

 

Die Lage am Rhein ist geradezu ideal für Handel und darin waren die Juden schon immer Spezialisten. Beliebt waren sie deshalb aber noch lange nicht und so bauten sie sich in der Stadt ihr eigenes Ghetto entlang der Stadtmauer auf. Davon zeugen heute noch die Judengasse, die Synagoge und der jüdische Friedhof am anderen Ende der Stadt. 

Die Friedrichskirche hat ihren Namen von Friedrich dem Großen. Wie kommt der jetzt zu einer Kirche? Eigentlich gar nicht oder vielleicht doch indirekt. Preußen hatte sich an den Kosten für den Bau beteiligt (warum auch immer) und Preußenkirche hätte vielleicht ein wenig blöd geklungen.

Besonders eindrucksvoll ist sie jetzt auch nicht unbedingt geworden. Waren wohl eher sparsam, die Preußen.

St Paulus ist dann die letzte Kirche auf unserem Rundweg. Sie steht auf den Fundamenten einer Herzogsburg und beeindruckt mit den Kuppelhelmen der Türme. Mir gefällt das Portal mit den riesigen Türklopfern und Szenen aus der Bibel. (Na, wer ist bibelfest genug und erkennt außer der Kreuzigung Adam und Eva oder Kain und Abel?)

 

 

 

 

 

 


Keine Angst, wir haben den mächtigen Kaiserdom nicht vergessen. Bevor wir uns dem aber zuwenden, stolpern wir wieder über unseren Helden Siegfried. Dem hat die Stadt auch ein Denkmal gesetzt, aber bei weitem nicht so groß, wie dem Herrn Luther. Obwohl, geplant war es ja viel größer, mit den vier Haupthandlungen der Nibelungensage. Letztendlich wurde daraus nur Siegfried, wie er den Fuß auf den getöteten Drachen stellt. Hat was von Großwildjäger mit Löwentrophäe. Fragt man die Drachen dieser Welt, so hat sich die Geschichte auch ganz anders zugetragen. Drachen sind nämlich nicht so böse und gefährlich, wie sie dargestellt werden und Siegfried nicht der tollkühne Held, der er gerne gewesen wäre. Doch wie hätte er denn dar gestanden, wäre er unverrichteter Dinge und noch immer verwundbar aus dem Wald zurückgekommen. Nun ja, die beiden hatten einen Deal, doch davon erzähl ich ein andermal.

Im angrenzenden Park könnte es dann zu dem einen oder anderen Schäferstündchen gekommen sein. Könnte ich mir zu mindestens vorstellen, wenn unser Held denn ein Romantiker gewesen ist.

dass es im benachbarten Heylshofpark war (und nicht an der Stelle der Dreifaltigkeitskirche), wo Luther vor dem Kaiser sein Bekenntnis ablegte. Hier stand nämlich bis 1689 der Bischofspalast.

Der Sage nach war Siegfried ja nach Worms gekommen, um seine Kriemhild zu erobern. Wo heute das Heylsschlösschen steht, mag zu seiner Zeit das Burgunderschloss der Angebeteten gestanden haben. Fakt ist, dass Karl der Große hier eine Pfalz hatte. 

Zurück zum Schlossplatz mit seinem Brunnen (voller Drachen – ist doch klar). Hier zwitschert uns ein Vögelchen,

 

 

 

 

Und dann stehen wir endlich vor dem Kaiserdom oder besser erst mal vor einem riesigen Felsbrocken. Den soll unser Held angeblich über den Rhein geschleudert haben. Wer's glaubt..


Von den drei Kaiserdomen in der Umgebung ist der Wormser der kleinste. Macht aber nichts, das macht er durch seine Architektur wieder wett. Allerdings hat er sich im Laufe der Zeit gewandelt und wurde den verschiedenen Baustilen angepasst.

Bischof Burchard ließ 1000 einen romanischen Dom errichten. Das dauerte ganze 25 Jahre. Das Bauwerk war damals schon genau so groß wie heute und einige Teile sind sogar noch erhalten.

Zur Zeit der Gotik entstand die Westfassade mit den schönen Rundfenstern und auch das Südportal mit seiner Bilderbibel stammt aus jener Zeit.


Ich mag ja Dome und Kathedralen. Wenn man Zeit und Muße hat den Blick schweifen zu lassen, kann man so einiges entdecken. 

Wasserspeier sind das eine, aber auch Tierfiguren und manch Seltsames, wie die Ratte am Wormser Dom. Sie erinnert an die Pest.

 

Was aber macht ein Dackel am Dom, noch dazu so ein originalgetreuer?

 

Das ist der Dackel des Dombaumeisters. Der begleitete seinen Herrn während der Renovierungsarbeiten in den 1920ern und ließ ihn nicht aus den Augen. Gut für sein Herrchen, denn eines Tages stand dieser auf dem Gerüst, als sein Hund ihn ins Bein zu beißen versuchte. "Dumme Töle“ wird er wohl gedacht haben und dem Tier ausgewichen sein. Wer lässt sich schon gerne beißen. Kaum geschehen, stürzte von oben ein Stein herab, der ihn erschlagen hätte. Zum Dank wurde das treue Tier von ihm im Domportal unter lauter Heiligen verewigt.

 

Dackel hin oder her. Hier vor dem Dom haben sich ja noch ganz andere Tragödien abgespielt und da sind wir wieder beim ollen Siegfried. Liebesgeschichte kurz gefasst: Gernot, Gunther, Giselher und Kriemhild sind Geschwister. Hagen liebt Kriemhild, bekommt sie aber nicht, sondern Siegfried und Gunther bekommt Brunhild.

 

Jahre später kommt es vor dem Domportal zum Streit darüber, welcher Mann mehr zu sagen hat und wessen Frau dadurch ranghöher ist. Die darf den Dom nämlich als erste betreten. (Ist auch voll wichtig!) Wie das bei Frauen so ist, gibt ein Wort das andere, bis Kriemhild das Geheimnis der Brautnacht lüftet, dass eben Siegfried in jener Nacht bei Brunhild gewesen sei und nicht Gunther. Wie bescheuert kann man eigentlich sein. Es kommt, was kommen muss, der Vorfall entzweit zwei Familien und sogar zwei Völker. Wahrscheinlich hat an dem Tag keine der beiden mehr den Gottesdienst besucht.

Wir verlassen die Stadt Worms still und heimlich durch das "Fischerpförtchen“. Das soll auch Luther benutzt haben, als er die Stadt verließ. Es ist ein Seiteneingang der teilweise noch

erhaltenen Stadtmauer. Früher nutzten es die Fischer, wenn sie vom Fang heimkamen und die großen Stadttore geschlossen waren.

Vor uns liegt Siegfrieds Grab. Allerdings nicht das echte. Das soll sich im Süden der Stadt befunden haben.

Ob das aber stimmt? Kaiser Friedrich III hat dort vergeblich nach den Gebeinen des Helden graben lassen.

Vielleicht hat es ja die Helden der Nibelungensage auch nie gegeben.

Nächster Stopp an der Nibelungenstraße sind dann Bürstadt und Lorsch mit seinem alten Kloster.

 

 

 

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