Pütt im Pott

Es ist mal wieder ein Wochenende in Deutschland angesagt. Ziel: das wunderschöne Münster. Im Anschluss geht es dann noch nach Dortmund. Eigentlich Bier- und Fußballstadt und damit nicht unbedingt mein Ding. Die Stadt eignet sich aber auch gut als Standort zur Besichtigung einiger Industriedenkmäler.


Richtung Pott

24.06.2016

20°C
20°C
360 km
360 km

Wer diesen Blog regelmäßig liest, weiß ja inzwischen, dass das mit dem früher Schluss machen im Büro meist nicht klappt. Deshalb mache ich mir heute keinen Stress und nehme einfach den Zug um 18:30 Uhr Richtung Dortmund. Ist ja egal, wann ich heute ankomme, da kein Programm geplant ist.

 

Mein normaler IC auf dieser Strecke, hätte mich auch nicht weit gebracht, da durch den Regen die linksrheinische Strecke gesperrt ist und die Züge ausfallen. Aber auch unser ICE ist nicht der pünktlichste und so muss ich bereits in Essen umsteigen, will ich heute überhaupt noch nach Münster kommen.

Gegen 23:00 Uhr bin ich dann endlich am Ziel und will mich auf den Weg zu meinem Hotel machen, aber Münster sieht plötzlich so anders aus. Liegt daran, dass die gerade ihren Bahnhof umbauen und den Ausgang kurzer Hand verlegt haben. Bevor ich jetzt im Dunkeln durch die Stadt irre, nehme ich mir ein Taxi ins Hotel.


Mein Stammhotel in Münster war diesmal leider nicht verfügbar. Der Ersatz konnte nicht überzeugen. Das Zimmer ist zwar recht groß und gut geschnitten, aber es gibt etwas, dass mich stört. Zu den Zimmern geht es durch ein öffentliches Treppenhaus. Es gibt zwar Türen, die sich nur mit den Zimmerkarten öffnen lassen sollen, aber die stehen auch um 23:00 Uhr noch offen.


H4 Hotel****


Picknick & Feuerwerk

25.06.2016

18°C
18°C
5 km
5 km

Das Geräusch, dass mich am Morgen weckt, wollte ich eigentlich nicht hören und auch nach dem Frühstück hat sich die Situation nicht verbessert.

Münster ist ja die Radfahrerstadt schlechthin in Deutschland. Da gibt es doch tatsächlich mehr Fahrräder als Einwohner, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Statistik noch stimmt, wenn man die Touristen dazu zählt.

Inzwischen weiß ich auch, dass Münster Regenhauptstadt Nummer eins in Deutschland ist. Toll, hättet ihr mir aber nicht unbedingt demonstrieren müssen, das hätte ich auch so geglaubt.

Leider fällt damit der Pedale-und-Paddel-Teil des Wochenendes, den meine Freunde so schön geplant hatten, im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.


Da ist jetzt umplanen angesagt und wir verbringen den Vormittag im Picasso-Museum. Ich frage mich echt, warum ein paar Strichmännchen von dem ein Heiden Geld kosten und wenn ich das malen würde, würde es wahrscheinlich im Müll landen.

Egal! Leider hat der Himmel beschlossen seine Schleusen heute nicht mehr zu schließen. Münster hat eine so schöne Innenstadt mit den alten Häusern, aber selbst die wirken bei dem Regen einfach nur traurig.

Was machen wir jetzt aber mit dem Picknickkorb, der mit leckerem Essen gefüllt ist? Kurzerhand beschließen wir dem Wetter zu trotzen (wäre doch gelacht) und machen unser Picknick auf einem überdachten Steg am Aasee. Wenn joggen bei Regen nicht genauso bekloppt wäre, hätten die wahrscheinlich über uns nur mit dem Kopf geschüttelt.

Aber irgendwie ist es auch schön, wenn der Regen aufs Dach tropft und du der Entenfamilie auf dem See beim Nachmittagsausflug zuschaust.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gegen Abend reißen die Wolken dann sogar ein wenig auf und wir können ohne Regenschirm Beethovens 9ter am Aasee lauschen. Gekrönt wird der Abend dann mit einem Feuerwerk.

im Kohlenpott

26.06.2016

18°C
18°C
99 km
99 km

War ja klar, dass es heute morgen nicht mehr regnet. Schade um die geplante Tour, aber für mich geht es weiter nach Dortmund. Wenigstens den Pütt-Teil will ich versuchen trocken über die Bühne zu bringen.

Für alle, die es nicht wissen, Pütt bedeutet so viel wie Zeche oder Kohlebergwerk und genau das ist mein heutiges Ziel.


 

 

Die Zeche Zollern liegt bei Dortmund und nachdem die Gelsenkirchener Bergwerks-AG sie erworben hatte, wollte man was ganz besonderes daraus machen. So entstand einen Anlage, die ein wenig an ein Schloss, ein Schloss der Arbeit, erinnert. Alles ist symmetrisch angelegt, wie das bei Schlössern so üblich war. Selbst den Förderturm gibt es zweimal. Einer davon ist aber Fake und der Schacht diente nur der Entlüftung.

Im Mittelpunkt das Gebäude der Verwaltung und des Direktors. Mit seinen kleinen Türmchen sieht es einem Schloss auch ein wenig ähnlich. Die Treppe im Inneren tut ihr übriges dazu. Ein feudales Badezimmer gab es übrigens auch und jetzt glaubt blos nicht, der feine Herr Direktor hätte in seiner Villa keines gehabt. Das hiesige diente nur zum Angeben und wurde Aktionären vorgeführt, damit sie gleich noch einen Schwung Aktien kauften. Nach dem Motto: wenn der Herr Direktor sich so ein Bad leisten kann, muss es der Zeche gut gehen.

Eine kleine Allee führt auf das Gebäude zu und verläuft in ihrer Verlängerung aus dem Gelände hinaus zur Villa des Direktors. Der kam, wie es sich gehört mit der Kutsche vorgefahren, obwohl er ja mal gerade um die Ecke wohnte. Ich glaube, da hat das Anspannen der Pferde länger gedauert, als die ganze Fahrt. Die waren übrigens auf der linken, der weißen Seite, im Stall untergebracht.

 

 

 

Von der Lohnhalle geht es ab in die Waschkaue. Hier wurde sich umgekleidet und nach der Schicht geduscht. Bei bis zu 600 Kumpeln pro Schicht, wäre die Sache mit den Spinden ein echtes Platzproblem geworden. Das hat man aber clever gelöst mit Körben, die an der Decke hingen und an einer Kette heruntergelassen wurden. Jeder Kumpel hatte seinen eigenen Korb und so mancher hat sicher auch mal einen auf den Kopf bekommen, wenn er nicht schnell genug war..

Auf der rechten, der schwarzen Seite, war die Lohnhalle, wo zweimal im Monat die Lohntüten ausgegeben wurden. So manch ein Kumpel hat dann erst mal ein paar Scheinchen für Bier abgezwackt und im Schuh versteckt, bevor er die Tüte seiner Frau aushändigte. Erklärung für das fehlende Geld hatte man immer, entweder musste man eine Lampe abbezahlen, die man zerstört hatte oder Strafe für zu spät kommen zahlen. Da nach Akkord bezahlt wurde, war es für die Frauen sowieso schwer den Inhalt der Tüte zu kontrollieren.


Kommen wir noch mal auf die Symmetrie zurück und wer findet den Fehler im Eingangsbereich?

Es ist das Gitter, welches auf der rechten Seite viel weiter innen ist. Hatte auch seinen Grund. Denn auf der Seite befand sich die Leichenhalle und die Witwe hätte sonst, da nicht auf der Zeche angestellt, das Gebäude nicht betreten dürfen.

Übrigens hat man nach einem Unfall die Verwundeten vor dem Tor abgelegt. Aber nicht etwa, damit der Krankenwagen sie schneller aufnehmen konnte, sondern damit man keinen Witwenrente zahlen musste, sollten sie versterben. Denn nur wen jemand auf dem Gelände starb, handelte es sich um einen tödlichen Arbeitsunfall, ansonsten war es nur ein Arbeitsunfall mit Todesfolge.

Das waren schon echt harte Zeiten damals und die Kumpel und auch deren Frauen mussten zusammenhalten. Man wohnte in Siedlungen, wo der Wohnraum von der Zeche gegen Miete zur Verfügung gestellt wurde. Ein kleiner Garten für die Selbstversorgung war auch dabei und man half sich untereinander aus und tauschte Kartoffeln gegen Kohl oder Milch gegen Eier. So musste nicht jeder in seinem kleinen Garten alles anbauen. Da die Männer ja alle acht Stunden auf Schicht waren, wurde oft auch das Bett an Junggesellen untervermietet. Die hätten in der Siedlung sonst keine Wohnung bekommen, da mindestens zwei Personen im Haushalt in der Zeche arbeiten mussten, damit man in den Genuss einer Wohnung kam. Eine warme Mahlzeit und die eine oder andere Gefälligkeit gab es obendrauf. So ein Untermieter brachte aber nicht nur Geld in die Haushaltskasse, sondern auch Sicherheit. Sollte der eigene Mann bei einem Grubenunglück ums Leben kommen, wurde der Untermieter geheiratete, damit man nicht ausziehen musste. Eine echte Win-Win-Situation.

Aber zurück zur Besichtigung. Ein Gebäude haben wir noch vergessen und das ist die Maschinenhalle mit dem wunderschönen Jugendstilportal. Ihr haben wir es auch zu verdanken, dass die Zeche Zollern 1969 nicht abgerissen, sondern als Industriedenkmal erhalten wurde.

Eigentlich sollte auch hier ein Ziegelbauwerk entstehen, aber die BGAG wollte eine moderne Halle aus Stahl. Ursprünglich wohl, weil es schneller gegangen wäre, aber da die Zechengesellschaft immer wieder Verbesserungswünsche hatte, hat es dann doch ein wenig länger gedauert. Hat aber nicht geschadet, wie ich finde.

So, auf Zollern wurde Kohle gefördert, aber wohin jetzt damit? Und was passiert mit der Kohle? Das werden wir gleich erfahren, denn von hier führt mich mein Weg zur Kokerei Hansa. Die ist nicht weit entfernt und hier wurde die Kohle verbrannt und es entstand Koks und einige weitere Nebenprodukte.

 

1928 wurde sie in Betrieb genommen und siebzig Jahre später war dann wieder Schluss. Seit dem steht sie unter Denkmalschutz und ein kleiner Teil wurde als Industriemuseum restauriert. Den darf man auf eigene Faust erkunden. Der größten Teil jedoch, ist nur während einer Führung zu besichtigen und andere Teile sind inzwischen Einsturz gefährdet.

Bis zur nächsten Führung bleibt mir noch eine gute Stunde, während der ich mich auf dem erlaubten Teilgebiet umsehe. Ich finde es einfach nur faszinierend, wie sich die Natur ihr Terrain zurück erobert. Erinnert mich ein wenig an Kolmanskop, die alte Diamantensiedlung in Namibia. Nur dass es dort der Sand ist, der die verlassenen Gebäude wieder in Besitz nimmt.

Während der Führung geht es dann zur Sache.

Wir beginnen mit der Schwarzen Straße.

Hier steht die lange Flucht der Koksofenbatterien. 1000°C herrschten im Inneren und in 20 Stunden wurde aus der Kohle Koks.

Über Stege geht es hinüber auf die Weiße Straße.

Hat ein bisschen was von einem Baumgipfelpfad. Schon erstaunlich, wie hoch die Bäume seit der Stilllegung gewachsen sind.

Unser Weg führt uns steil hinauf über die Förderanlage auf den Kohlenturm. Wenn es nicht schon wieder regnen würde, wäre der Blick von hier oben genial.

Hier war das Gebiet der Kohlechemie. Schließlich fallen bei der Verkokung Nebenprodukte an, die man ebenfalls zu Geld machen kann.


Genug Industriekultur für heute. Inzwischen ist es 18:00 Uhr und es wird Zeit, sich auf den Weg ins Hotel zu machen.

Ich betrete mein Hotel und bin erstmal sprachlos. Die Treppe könnte auch in einem Schloß sein (oder auf der Titanic).

Mein Zimmer ist nicht ganz so feudal, aber geräumig und sauber.


Novum Hotel Unique****


per du mit dem Nashorn

27.06.2016

19°C
19°C
3 km
3 km

Dortmund ist jetzt nicht wirklich meine Stadt. Mir ist sie zu langweilig, aber vielleicht liegt das daran, dass ich mir weder aus Bier noch aus Fußball viel mache.

 

Trotzdem werde ich die Zeit vor der Abfahrt für einen kleinen Stadtbummel nutzen.

 


Dabei fällt mir ein Tier immer wieder auf. Was aber hat jetzt ein Nashorn mit Dortmund zu tun. Wir sind doch hier nicht in Afrika.

 

Das geflügelte Nashorn wurde als Wappentier für das Konzerthaus erwählt. Schließlich haben Nashörner ja ein sehr feines Gehör und die Flügel sollen zu gedanklichen Höhenflügen anregen.

 

Ich finde sie einfach nur schön, aber der Bär vor dem Rathaus hat sich ja wohl ein wenig in der Stadt geirrt.

Der Gauklerbrunnen ist einer meiner Lieblingsbrunnen in der Stadt. Logisch, dass das Element Wasser hier im Mittelpunkt steht. Das ist beim Wasserspucker ja noch einfach umzusetzen, aber auch beim Feuerschlucker, Jongleur und Zauberer ganz gut gelungen.

geht nahtlos über zum Friedensplatz mit dem alten Rathaus im Neo-Renaissance-Stil..

Der Hansaplatz im Zentrum


Und noch ein Brunnen, der mir gefällt: der Europabrunnen. Meinen verfressenen Drachen gefällt der noch viel besser, hat er doch "Kulinarische Genüsse“ zum Thema. Ob Karlchen wohl gemerkt hat, dass da kein Bier im Krug war.

Natürlich muss es in einer Stadt mit Bierbrautradition auch einen Bierkutscher geben.

Der Alte Markt war schon immer Treffpunkt. Früher waren es Kaufleute, Handwerker und Bürger, die hier Geschäfte machten. Heute findet man hier die meisten Restaurants und Biergärten der Stadt, die zu einem Päuschen einladen.