Kneipen, Karzer und Geschichte(n)

Bei dieser Reise handelt es sich um eine Produktschulung im Rahmen meiner Tätigkeit als Travelagent.. Die Einladung erfolgte durch das NH Heidelberg. Dieser Artikel war aber keine Bedingung  und ist im Rahmen meiner Reiseberichte entstanden. Er spiegelt meine private (unkäufliche) Meinung wieder.

vom Durst geleitet

30.10.2015

13°C
13°C
6 km
6 km

Eigentlich wäre eine Übernachtung in Heidelberg nicht unbedingt notwendig, liegt die Stadt doch gerade mal 30 Kilometer von meiner Haustür entfernt. Warum ich mich doch dafür entschieden habe?

Der Titel unserer abendlichen Führung durch die mittelalterliche Studentenstadt lautet "am Anfang war der Durst.."

Das hört sich jetzt eher weniger nach Mineralwasser und Heißgetränk an und Auto fahren und Alkohol halte ich für keine optimale Kombination.

Außerdem, wann bekomme ich schon mal am Samstag ein Frühstück serviert, für das ich keinen Finger rühren muss?

Sind doch zwei schlagende Argumente, oder etwa nicht? 


Schon das Betreten der Hotelhalle entlockt einem ein "Wow". Sie verbindet geschickt das historische Brauereigebäude mit dem modernen Neubau.

Die Zimmer im historischen Teil haben ihren eigenen Charme und keines gleicht dem anderen. Manche sind etwas schwierig zu finden, aber hat man den Dreh erst mal raus, klappt auch das.

Für mich eindeutig ein Hotel der Kategorie "Drachenwohlfühlplätze" 



Nachdem wir im Hotel eingecheckt haben, kann es losgehen mit der Erforschung der Heidelberger Altstadt.

Heidelberg ist seit 1386 Universitätsstadt und beherbergt die älteste Uni Deutschlands. Seit 1803 trägt sie den Namen Ruprecht-Karls-Universität.

So alt wie die Universität ist auch das Studentenwesen der Stadt. Dass in Studentenkreisen nicht nur eifrig gelernt, sondern mindestens ebenso eifrig gefeiert wird, ist wohl bekannt. Kein Wunder also, dass sich in einer Stadt wie Heidelberg an jeder Ecke Studentenkneipen finden lassen. (und die gefühlten abertausend Asiaten müssen ja auch irgendwo ihren Durst stillen) Auf unserer heutigen Tour wollen wir uns aber auf die historischen Schänken beschränken. Schließlich ist auch in Heidelberg irgendwann Zapfenstreich.

Könnte es einen besseren Treffpunkt als den Uni-Platz geben?

Wohl kaum. Hier steht das alte Uni-Gebäude und hier werden wir gleich mal ein wenig aufgeklärt. Was es mit dem Karzer auf sich hat, werde ich morgen erklären.

Hier und jetzt erfahren wir erstmal, dass es neben den vier Hauptfakultäten (Theologie, Jura, Medizin und Philosophie) auch noch inoffizielle Nebenfakultäten gab, wie zum Beispiel Sex. In diesen Fächern wurden wohl von so manchem weit ernsthaftere Studien getrieben, als in den Hauptstudiengängen.   

Es war dereinst ein Bäcker, der war so geizig, dass er jedes Kümmelkorn halbierte. Dass der noch Zeit zum Backen gefunden hat, wundert mich. Wahrscheinlich musste der arme Lehrling dran.

Das Wohnhaus mit Gaststätte gibt es schon seit 1766, aber erst seit 1920 ist es unter dem Namen "Kümmel-Spalterei" bekannt. 

Das brachte wohl die Handwerker der umliegenden Betriebe auf die glorreiche Idee immer mal wieder auf einen Sprung vorbeizuschauen und die neusten Weine zu testen. Damals entstand der Name "Schnitzelbank", abgeleitet von den speziellen Werkbänken auf denen die Fassdauben beschnitzt wurden.

 

Was darf an keiner anständigen Uni fehlen?

Die Mensa natürlich.

An einer so historischen Stätte, wie der Heidelberger Uni, ist die natürlich nicht in einem modernen Neubau untergebracht, sondern im ehemaligen Marstall.

Der ist übrigens eines der wenigen Gebäude aus dem Spätmittelalter. Stattliche 135 Meter ist das Gebäude lang und beherbergt somit die längste Theke in Heidelberg. (auch wenn Theke etwas weit hergeholt ist, wie ich finde)

 

 

 

 

 

Auch den " Weissen Schwan" gibt es urkundlich schon seit ca 1400 und er gilt als zweitältestes Gasthaus der Stadt. Durch seine Nähe zur Uni war er beliebtes Lokal für Studenten, aber auch Professoren.

Gleich um die Ecke treffen wir auf die Weinstube "Schnitzelbank". Hier gibt es sicher auch leckere Schnitzel zu essen, doch der Namen kommt ganz woanders her.

Ursprünglich war dies eine Küferei und Weinhandlung. Was macht man in einer Weinhandlung? Man kostet den Wein, bevor man ihn kauft.

 

 


 

 

Das Haus "zum Ritter St Georg" ist tatsächlich das älteste Gebäude der Stadt Heidelberg. 1592 wurde es erbaut und seiner Bauweise aus Stein ist es zu verdanken, dass es als eines der wenigen Gebäude den großen Stadtbrand von 1693 heil überstanden hat. Aus diesem Grund diente es bis 1703 als Rathaus, war also nicht durchgehend Hotel und Gaststätte. 

Unsere nächtliche Wanderung auf den Spuren der Heidelberger Studenten endet am Neckar und der Alten Brücke.

Am Ende war immer noch der Durst, denn zu trinken gab es nichts. Um so mehr freuen wir uns über den Halloween-Cocktail in der Hotelbar.

ab in den Karzer

31.10.2015

13°C
13°C
6.5 km
6.5 km

Nachdem mir da gestern so einige Geschichten bezüglich des Karzers zu Ohren gekommen sind, muss ich das Teil mal genauer unter die Lupe nehmen.

Außerdem gibt es noch ein paar mehr historische Kneipen in Heidelberg, die gestern nicht an unserer Wegstrecke lagen.

Wie heißt es doch so schön über die 1.8 Kilometer lange Fußgängerzone?

Erst kaufen, dann ein Stück laufen und zum Schluss saufen.

Genau so ist sie angelegt. Im unteren Bereich am Bismarckplatz überwiegen die Läden, während ab Marktplatz eindeutig die Kneipen und Gaststätten in der Überzahl sind. 

Sie gehört übrigens zu den meistfrequentierten Einkaufsstraßen in Deutschland mit durchschnittlich 5618 Personen/Stunde.

Wundert mich gar nicht. Wenn da am Neckar ein Kreuzfahrer anlegt, wimmelt es kurz darauf in der Altstadt von ausländischen Reisegruppen, die einem roten, gelben oder grünen Schildchen hinterher rennen und eifrig knipsen.   


Widmen wir uns aber jetzt doch mal dem historischen Karzer der Uni Heidelberg, der sich im alten Uni-Gebäude befindet.

Ursprünglich war der Karzer als eine Art Gefängnis der Universitäten gedacht, um Vergehen zu bestrafen. Das funktionierte bis zum 19.Jhdt. auch recht gut, doch dann galt es plötzlich als schick, wenigstens einmal während seiner Studienzeit eingesessen zu haben.

Möglichkeiten eine Karzerstrafe aufgebrummt zu bekommen gab es viele. Ruhestörung war eine davon. Dazu musste man nur laut genug des nachts grölend durch die Gassen ziehen. Nacktbaden im Neckar war eine weitere. Wichtig war nur, dass die Aktion unter den Augen der Obrigkeit ablief, denn sonst konnte man ja nicht bestraft werden.

Hatte man es dann endlich geschafft, wurde dieses Ereignis gebührend begangen. Schließlich durfte man ja Besuch empfangen und der konnte auch gleich die Verpflegung mitbringen. Die war nämlich nicht inklusive. Dass solche Besuche in exzessivem Alkoholkonsum endeten, sei hier nur nebenbei erwähnt. Die einzige Strafe war da wohl der Kater am nächsten Tag. Das Ganze musste natürlich auch protokolliert werden, denn was nutzt die schönste "Strafe", wenn man nicht damit angeben oder sie beweisen kann. Folglich wurde an den Karzerwänden verewigt auf Teufel komm raus. War natürlich auch verboten, aber es herrschte ein stillschweigendes Abkommen, dass nur, wer auf frischer Tat ertappt wurde, mit Bestrafung zu rechnen hatte und das betreffende Kunstwerk entfernt wurde. Ablenkung war also beim Verlassen des Karzers angesagt, damit das eigene Kunstwerk nicht entdeckt wurde. Glücklicherweise scheinen die aber sehr erfolgreich darin gewesen zu sein und so können wir uns heute noch daran erfreuen.

Und diese zwei Jungs mussten ihre Strafe im Karzer absitzen, weil sie gestern erst meinen Cocktail abgepumpt und sich später noch an meinem Betthupferl vergriffen haben.

Dann wollen wir uns jetzt mal wieder dem feucht-fröhlichen Studententum außerhalb des Karzers zuwenden.

Es gibt ja nicht nur die bereits erwähnte Fußgängerzone, sondern noch viele enge Gässchen voller Kneipen links und rechts derselben. Mal schauen, was es da noch so an historischen Schänken zu entdecken gibt.

Da scheiden sich wohl selbst in Heidelberg die Geister, welches denn nun die älteste Studentenkneipe ist.

Das Haus "zum Seppl" gibt es jedenfalls seit 1704.

Obwohl Heidelberg eher in einem Weinanbaugebiet liegt, bevorzugte die Studentenschar im 19. Jhdt. eindeutig den Gerstensaft. Ob es daran lag, dass man mehr davon konsumieren konnte? Rituale zum Besaufen kannte man so einige. So wurde etwa um Mitternacht bei jedem Glockenschlag ein Glas Bier geleert. Da wäre ich bereits beim zweiten Glockenschlag hackedicht gewesen und hätte Mitternacht nicht mehr erlebt. Wie praktisch, dass es das sogenannten "Vomitorium" gab, wo man Platz für die nächste Runde schaffen konnte.

      

Den "Roten Ochsen" gibt es bereits ein Jahr länger, doch ist er von Anfang an und bis heute in Familienbesitz (der selben Familie versteht sich). Große Namen, wie Mark Twain, Marylin Monroe und Eisenhower haben hier bereits gute deutsche Hausmannskost genossen. Hier wurden in den 1850igern auch sogenannte Biermünzen eingeführt, die die tägliche Abrechnung erleichtern sollten. Muss funktioniert haben, denn sie waren bis 1965 in Gebrauch. Was aber sagt mir das bezüglich des Konsums? Gegessen wurde bei den Studenten scheinbar daheim und getrunken in der Kneipe. Ist ja auch logisch, denn Fernseher und Whatsapp gab es damals noch nicht. Wollte man sich amüsieren oder austauschen, ging das nur im Stammlokal. 

Zu Pfingsten begab sich der Teufel ins schöne Neckartal. Es wurmte ihn schon lange, dass die Fischer, Schiffer und Fährleute von Heidelberg so eifrige Kirchgänger waren. Da musste doch was zu machen sein. Er fand eine Felsplatte gegenüber dem Kloster Neuburg und als die ersten Kirchgänger übersetzen wollten, versprach er ihnen reichen Fischfang und Schutz vor Hochwasser. Just in dem Moment erklangen die Glocken der Kirche und nur wenige Wankelmütige erklommen den Felspfad um mehr zu erfahren. Sollte kein guter Tag für den Teufel werden, denn der tiefe Klang der Glocken von Heiliggeist rief die letzten Unentschlossenen zum Gottesdienst. Keine Chance für den armen Teufel. Daraufhin wurde er so zornig, dass er Felsstücke herausriss und gegen Heidelberg schleuderte. Gelandet sind sie im Neckar und wurden so manchem Kahn oder Floß zum Verhängnis. Seitdem tragen diese Untiefen den Namen "Hackteufel".  

 

 

Den "Hackteufel" gibt es jetzt seit 60 Jahren. Scheidet er deshalb aus dem Wettkampf aus? Stellt sich eben die Frage, wie definieren wir älteste Kneipe? Das traditionsreiche Gasthaus in der Steingasse gibt es nämlich bereits seit dem 16.Jhdt., nur hat es seitdem mehrmals den Namen gewechselt.

Nur ein paar Schritte sind es von hier bis zum Neckar und dort liegt auch der Ursprung des heutigen Namens.



Da wir jetzt schon am Neckar sind, können wir einen Abstecher zum Brückenaffen machen. Der jetzige wurde erst 1979 aufgestellt, erwähnt wird der Heidelberger Brückenaffe aber bereits im 15.Jhdt. Damals war die Stadt noch von einer hohen Stadtmauer umgeben und trutzige Tortürme verhinderten ein Eindringen. In einer Tornische befand sich eine Spottfigur. Der Affe sollte Hinzukommende verspotten und Stadtstreicher abschrecken. 


Wie heißt es doch so schön in einem Lied über dir Stadt:

"Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren..."

Damit dir Romantik an diesem Wochenende nicht zu kurz kommt, erzähl ich euch zum Abschluss noch die Geschichte vom Heidelberger Studentenkuss.

Nicht nur Kneipen gab es in der Stadt, sondern auch Cafes. Das älteste der Stadt, Cafe Knösel, war ein beliebter Treffpunkt ehrbarer Bürger, Professoren und natürlich auch der Studenten. Ein Grund mag gewesen sein, dass auch die jungen Damen der renommierten Heidelberger Pensionate des Öfteren hier vorbeischauten. Zwar streng bewacht von ihren Gouvernanten, aber der eine oder andere scheue Blick wird wohl doch gewechselt worden sein. Mehr war aber definitiv nicht drin. Dem Konditormeister Knösel taten die jungen Damen wohl leid und so erfand er eines Tages ein besonders leckeres Schokoladenkonfekt und nannte es "Studentenkuss". Gegen diesen Kuss konnten selbst die strengen Gouvernanten nichts einwenden. Bin mir aber sicher, dass sie auf Dauer auch so manchen echten Kuss nicht verhindern konnten.