Zucker, Rum und Speicherhäuser

Allen Autofahrern ist Flensburg sicher ein Begriff.

Dort wird nämlich das Punktekonto verwaltet, was für mich jetzt nicht unbedingt ein Grund ist, dort hinzureisen. 

Vielleicht schon eher, weil es (mehr oder weniger) am Meer liegt und noch sehr vom ehemaligen Westindienhandel geprägt ist. Auf dessen Spuren möchte ich heute wandeln. 

Kapitän Hansen auf der Spur

16.11.2017

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Wir schreiben das Jahr 1770. Der Stadt Flensburg geht es hervorragend, denn seit             15 Jahren wird kräftig Handel mit den Kolonien in Dänisch-Westindien getrieben. 

Das die wirtschaftliche Blütezeit auch eine Kehrseite hat, interessiert hier in Europa kaum jemanden. Rum und Zucker sind begehrt und die Karibik weit entfernt.

Kaum ein Konsument der neuen Genussmittel verschwendet wohl einen Gedanken an die vielen Sklaven, die unter unmenschlichen Bedingungen auf den Zuckerplantagen der Kolonialherren arbeiten.

Auch Kapitän Hansen nicht, der gerade seinen Heimathafen Flensburg ansteuert, um Ware zu löschen. Doch damit ist es nicht getan. Viel Arbeit wartet auf ihn, bevor er seine Familie in die Arme schließen kann. Was da so alles ansteht, erfahre ich auf meiner Tour entlang des Kapitänsweg.


Sechs Monate ist Kapitän Hansen mit seinem Segelschiff jetzt schon unterwegs. Im Sommer hat er Flensburg verlassen. Beladen mit Nägeln, Tauen, Seilen, Fleisch, Butter, Mehl, weißem Zucker, Tee und Wein machte er sich auf den Weg nach St Croix in der Karibik. 

Die Überfahrt ist nicht ganz ungefährlich. Stürme beuteln das Schiff und so manch ein Matrose geht über Bord und ward nicht mehr gesehen. 

Für die Heimreise nimmt er dann Rohzucker, Tabak, Baumwolle und Rohrum an Bord. 

Jetzt kann er den Golfstrom und die Westwinde nutzen, die ihn über Island und Großbritannien in die Ostsee bringen. 

Heute früh ist er in die Flensburger Förde eingefahren und nun liegt seine Heimatstadt direkt vor ihm.

Am heutigen Schifffahrtsmuseum legt er seinen Segler an. Hier ist ordentlich was los, denn Flensburg hat sich inzwischen zur bedeutendsten Handelsstadt im skandinavischen Raum entwickelt. An manchen Tagen trifft man hier auf bis zu 200 Schiffe. Da kann es schon mal knapp werden mit Liegeplätzen. 

 

 

 

 

 

 

 

Einige der alten Veteranen liegen noch heute im Museumshafen. 

Darunter auch das Dampfschiff "Alexandria“. Hätte unser Kapitän knapp 100 Jahre später gelebt, so hätte er auf ihr fahren können. Zu jener Zeit waren die vielen kleinen Ortschaften entlang der Förde nur mit dem Pferdefuhrwerk zu erreichen. Ein kluger Kaufmann namens Bruhn dachte sich, was die Hamburger auf der Alster können, können wir schon lange und gab sein erstes Dampfboot für den Personentransport in Auftrag. Ich hoffe, er hat es sich patentieren lassen, denn die Dampfschifffahrt wurde ein Erfolg.

In Glücksburg und Gravenstein entstanden Badeanstalten und schöne Hotels. Flensburg erhielt 1896 am Alten Schiffbrückplatz einen großen Dampfschiffpavillon, denn die Dampfer dienten längst nicht mehr nur zum Transfer von A nach B, sondern es war eine Art Kreuzfahrt für kleine Leute entstanden. Bis zu 50 Abfahrten gab es täglich und so manch einer besaß sogar eine Dauerkarte. 

Davor steht heute die "Windsbraut“. Ob die wohl des nachts in seiner Villa spukt, da er ihr ja die Segler wegnahm?

Wenigstens hat es ihm wohl so viel Geld eingebracht, dass er sich einen nette Villa bauen konnte.


Zurück zu den Westindien-Fahrten. Wer jetzt doch ein wenig mehr über die Zuckerrohrplantagen erfahren möchte oder sich schon immer mal im Seemannsknoten machen üben wollte, ist hier im ehemaligen Zollpackhaus genau richtig.

Unser Kapitän hat aber ganz andere Sorgen. Auf der letzten Fahrt hat ein Sturm sein Schiff schwer gebeutelt, sodass einige Reparaturen fällig sind. Wie gut, dass gegenüber gleich die Werft liegt, wo man sich um sein Schiff kümmern kann, sobald die Ladung gelöscht ist.

Doch wohin mit der Ladung? Rohrum und braunen Zucker hat er an Bord, sowie Tabak und Baumwolle. Das muss schließlich alles irgendwo gelagert werden. Kein Problem in einer Handelsstadt wie Flensburg. Schon im Mittelalter hatten clevere Kaufleute sich entlang des Hafens angesiedelt und noch heute herrscht dort emsiges Treiben.

 

Andreas Christiansen gehören die Schiffe, auf denen unser Kapitän Hansen fährt. Doch nicht nur die Schiffe, sondern auch eine Zuckerraffinerie, eine Ölmühle und zwei Handelshöfe. In einem davon lässt er ein fünfstöckiges Gebäude, den Westindienspeicher errichten, in dem er Kolonialwaren lagern kann. Sieht auch heute noch sehr beeindruckend aus.

 

Doch nicht nur das Handelshaus Christiansen hatte entlang der heutigen Straßen "Holm", "Große Straße" und "Norderstraße" seine Handelshöfe. Viele davon sind heute noch erhalten und deshalb sollte man beim Bummel durch obige Straßen aufs Pflaster achten. Am Eingang zu den Höfen ist deren Grundriss ins Pflaster eingelassen. Eine große Hilfe, wie ich finde, denn manchmal sind die Zugänge sehr unscheinbar und auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Es lohnt sich aber unbedingt einen Blick hineinzuwerfen.

Manche Höfe sind besonders wichtig für unseren Kapitän, wie etwa der in der Norderstraße 40. Die vier Grundstücke, die sich hier verstecken, sind schon lange in der Hand von Schiffern, aber auch von Schiffshandwerkern. So hat Peter Clausen hier eine Mastenmacherei. Zum Hafen hin ist der Hof offen, so ist es für die langen Stämme nur ein kurzer Weg vom Frachtschiff zur Werkstatt und von dort zum reparaturbedürftigen Schiff. Auch Kapitän Hansen schaut hier öfters vorbei, doch bei dieser Fahrt ist er ohne Mastbruch davon gekommen.

In der anschließenden Segelmacherstraße muss er aber rasch vorbeischauen. Zwei seiner Segel bedürfen einer Reparatur. Damit kann er nicht warten, denn die Segel sind der Motor seines Schiffes und müssen immer tipptopp sein. Deshalb weiß er die schwere Arbeit der Segelmacher zu schätzen, die mit groben Nadeln, in mühsamer Handarbeit, Stich für Stich die Segel umsäumen. 

 

 

 

Nicht weit davon entfernt steht am Nordermarkt die St Marien Kirche. Hier finden Witwen Trost, wenn der geliebte Mann auf See geblieben ist, aber auch die Flensburger Fernhandelskaufleute erbeten hier Fürbitte für Schiff und Ladung. 

 

 

 

 

So, Ladung ist gelöscht und das Boot bei den Werftarbeitern in guten Händen. Zeit für einen kurzen Besuch in der Heiliggeistkirche, um sich in einem stillen Gebet für die gesunde Heimkehr zu bedanken.

 

Im Inneren der Kirche befinden sich zwei Schiffsmodelle. Diese sollen an die Errettung aus Seenot erinnern und so mancher Seemann erhoffte sich von ihnen Schutz vor den Gefahren auf See. Ob man wohl deshalb oft ein Kriegsschiff wählte?

Ob man nicht besser dem ollen Neptun, Herrscher der Meere, auch seine Aufwartung machen sollte? Der steht seit 1758 auf dem angrenzenden Nordermarkt. Hier ist heute Markt und Kapitän Hansen besorgt gleich noch ein paar Dinge für das gemeinsame Abendessen mit der Familie. Dem Meeresgott opfert er ein paar Münzen. Sicher ist sicher. 


Zurück zu den Fernhandelskaufleuten. Die hatten sich bereits seit dem 14.Jhdt zusammen mit den Schiffern in der St. Marien-Kaufmannsgilde zusammengeschlossen. Hier fanden sie seelische, soziale und rechtliche Unterstützung. Aus dieser Bruderschaft entwickelte sich ab 1580 das Schiffergelag, welches bis heute eine aktive Gilde der Flensburger Kapitäne ist. Getroffen wird sich im Kompagnietor.

 Die Aufnahme ist für unsere Kapitän ein wichtiges Ziel, denn ohne Zugehörigkeit, kein Seepass und ohne den ist man Rechtlos auf See und in der Ferne. Außerdem ist hier immer was los, man kann Handelswaren und Schiffsanteile kaufen und verkaufen, Nachrichten übermitteln, sich auf den neusten Stand bringen (nach 6 Monaten auf See sicher nicht verkehrt) oder in der Schankwirtschaft einfach nur ein kühles Bier zischen. 


Doch zu lange darf er sich nicht verweilen. Daheim warten Frau und Kinder auf ihn und er möchte noch bei einem befreundeten Seemann vorbeischauen, der in der Oluf-Samson-Gang lebt. Reeder müsste man sein, denkt sich unser Kapitän. Dann könnte er sich auch ein paar Häuser kaufen und diese vermieten, wie der Reeder Oluf Samson. Diese Gasse ist übrigens eine der ältesten in der Stadt und eigentlich recht hübsch. Zumindest von außen gefallen mir die Häuschen.

Nachdem die zwei sich bei einem guten Rum ausgetauscht haben, eilt Kapitän Hansen weiter durch die Stadt.

Wäre er ein Zeitreisender, könnte er jetzt die vielen prächtigen Patrizierhäuser aus dem 18, Jhdt

mit den vielen Statuen und Verzierungen bewundern.

 

Darunter auch das Geburtshaus von Hugo Eckner.

Na, woher kennen wir den? Im weitesten Sinne auch ein Seefahrer, denn er überquerte mit einem Zeppelin den Atlantik und die fahren ja bekanntlich (und fliegen nicht)

 

Es ist zwar das kleinste Rumhaus der Stadt, aber der Rum ist gut. Unser Kapitän würde sich umschauen, wäre er heute in Flensburg. Von den einst 150 Spirituosenhäusern der "Rumstadt“ Europas sind nur wenige übrig geblieben und Johannsen ist heute das größte.

Der Besuch bei seinem Freund erinnert ihn daran, dass er sich für die nächste Fahrt ein Fässchen guten Rum für seine Kajüte mitnehmen könnte. Da ist es doch mehr als praktisch, dass das Rumhaus Johannsen am Weg liegt.

 


Nachdem er seinen Rum geordert hat, verlässt er durch das rote Tor die Stadt. Daher hat die Rote Straße übrigens ihren Namen und nicht von dem Gewerbe, an das man bei einer Hafenstadt vielleicht denken würde.

 

 

Auch finden sich hier vier weitere malerische Kaufmannshöfe und eine Rumdestillerie.

 

Auf der anderen Seite der Stadt kann man übrigens noch heute das Nordertor besichtigen. Als einziges verbliebenes Stadttor, ist es heute Wahrzeichen der Stadt.

Jetzt wird es aber aller höchste Eisenbahn den Heimweg anzusteuern. Zeit ist Geld und so lange wird sein Schiff nicht im Hafen liegen.

Sein Weg führt ihn am Fischereihafen vorbei. Da könnte man doch noch ein schönes Stück Fisch für die Pfanne besorgen. 

Hier, an der Hafen-Ostseite haben sich die Fischer angesiedelt. Während die Männer mit ihren Booten auf Fischfang sind, kümmern sich die Frauen um den Verkauf und betreiben die Fischräuchereien. Unser Kapitän kann heute wählen aus Dorsch, Butt, Makrele. Hering und Aal und entscheidet sich letztendlich für einen fetten Dorsch. Der sollte reichen, um die Familie satt zu machen.

Machen wir noch mal einen kleinen Zeitsprung. Dorsch und Butt gibt es hier heute nicht. Gegen einen frisch geräucherten Aal hätte ich zwar nichts einzuwenden, aber mich zieht ein ganz anderer Ort an.

Nicht weit von hier leuchtet in schönstem Rot das Marien Café.

Es ist aber nicht die Farbe, die mich lockt, sondern das Interieur.

Im Inneren hängen und stehen mehr als 3500 Kaffeekannen. Gut, dass ich die nicht abstauben muss.

Die Torten sind der Hammer und man hat echt die Qual der Wahl.



Jetzt bin ich gestärkt und kann unserem Kapitän ins Gängeviertel folgen. Wir erinnern uns, Kapitän Hansen hat die Stadt längst durchs Rote Tor verlassen und befindet sich außerhalb der Stadtmauern. Auf dem Hügel am Fischmarkt entstand eine neue Siedlung. Hier konnte man bauen, denn die anfallenden Steuern waren viel niedriger als in der Stadt. Ab vom Schuss war man trotzdem nicht, denn Fährleute sorgten für die Überfahrt in die Stadt. Sehr zum Leidwesen des Wirts vom Ratskeller funktionierte das auch anders herum. Der musste nämlich feststellen, dass seine Kundschaft lieber ans andere Ufer zum Gasthaus Pilkentafel fuhr. Dort konnte man sich bei einer Art Billardspiel amüsieren und dabei selbstgebrautes Bier verköstigen.

 

Ende des 19.Jhdts war dann leider Schluss mit der Idylle, da eine Kleinbahn gebaut und der Hafen ausgebaut wurde. Heute erinnert nur noch eine Kleinkunstbühne an die Gaststätte. 

Nur noch wenige Schritte und unser Kapitän Hansen ist daheim bei seiner Familie. Stolz ist er auf sein kleines Häuschen und zu Recht.

 

Lang und hart war sein Weg vom Schiffsjungen zum Kapitän. Mit 12 Jahren ging er zum ersten Mal auf große Fahrt, ließ sich zum Matrosen ausbilden und legte mit 23 Jahren die Steuermannsprüfung ab. Viele, viele Jahre als Steuermann auf See folgten, bis er endlich zum Kapitän ernannt wurde und auf Westindien-Fahrt ging. Nochmal folgten viele Jahre zur See, fern von der Familie, bis er endlich genug Geld für ein eigenes Häuschen hatte. Doch zu dem Zeitpunkt gab es in der Stadt längst keine Grundstücke mehr. Außerhalb der Stadtmauer herrschte aber Bauverbot. Was nun? Blieb nur der Osthafen. Der lag zwar auch außerhalb der Stadtmauern, gehörte aber dem Kloster und so hatte die Stadt hier nichts zu melden. 

Oben am Hang, wo man einen guten Blick auf den Hafen hat und die Familie einen schon früh bei der Einfahrt erspähen kann, baut er sich schließlich sein Häuschen. 

Und er war nicht der einzige. Ein Spaziergang entlang der St-Jürgen Straße führt an vielen alten Kapitänshäusern vorbei.

Ich genieße noch eine letzten Blick von hier oben auf die Stadt Flensburg und kehre dann zurück ins hier und jetzt.