Reisewelten und Currywurst

Und da ist sie wieder auf der Agenda, meine Hassliebe Berlin. Ich kann mit dieser Stadt einfach nicht wirklich warm werden und doch bin ich immer wieder zu Besuch. Dieses Mal ist es eigentlich die ITB, aber die findet nun mal traditionell in Berlin statt.


185 Länder in sechs Stunden

12.03.2016

8°C
8°C

06:35 Uhr an einem Samstag ist einfach zu früh. Da muss jetzt erst mal ein Kaffee her und ein bitte pünktlicher Zug. Dass der nur aus Karlsruhe kommt, beruhigt mich nicht unbedingt. Ich habe da so meine Erfahrungen mit der deutschen Bahn; die schaffen es auch auf einer Fahrtstrecke von nur 24 Minuten mindestens 10 Minuten Verspätung einzufahren. Noch sieht aber alles gut aus und wir verlassen Mannheim zu mindestens mal pünktlich, aber auch das will noch nichts heißen. Bis Berlin liegen noch knapp fünf Stunden Fahrt vor mir.   


 

 

Geschafft! Die Gummibärchen sind leer und der nächster Halt ist Berlin-Spandau und damit Endstation für mich. Von hier geht es in wenigen Minuten mit der S-Bahn zum Messe-Eingang Süd - meinem heutigen Tor zur Welt.

 

 

 

 

 

 

Dort fällt dann gleich das Batmobil ins Auge, mitgebracht von Turkish Airlines. Die fliegen nämlich seit neustem nach Gotham City und Metropolis. Leider sind bereits alle Flüge ausgebucht. 


Die ITB ist die Reisemesse schlechthin in Deutschland. Es gibt zwar noch ein gutes Dutzend weitere Messen, aber wer was auf sich hält, ist in Berlin vertreten. 

Dieses Jahr wird sie stolze 50 Jahre alt. 185 Länder aus 5 Kontinenten sind auf 160.000 m² vertreten. Da kann man mal eben schnell die ganze Welt an einem Tag besuchen.

Klingt aber einfacher, als es ist. Irgendwann tun einem nur noch die Füße weh und selbst der tollste Maoritanz oder der leckerste Apfelstrudel können nicht mehr locken.

Obwohl, so eine Runde Probe liegen in der First-Class so mancher Airline wäre da schon verlockend. Alternativ könnte auch ein Besuch im Kinderabteil der Bahn die Lebensgeister wecken. Und sei es nur, dass man ganz rasch wieder weg möchte.

 

Da ich weiß, was auf mich zukommt (bin ja schließlich nicht das erste Mal hier), habe ich mir die Welt aufgeteilt in „will ich demnächst hin“ ; „kann man mal ins Auge fassen“ ; „muss nicht sein“ und natürlich meine Topdestination, das südliche Afrika.

 

Na, wer kann erraten, in welchen Ländern wir einen Fotostopp eingelegt haben?  Hannes und Paulchen fanden es jedenfalls voll klasse.

Nach sechs Stunden auf den Beinen schmerzen meine Füße und ich will erst mal nur in mein Hotel. Zum Glück gibt es den kostenlosen Shuttle an den Kudamm und von dort sind es nur noch wenige Schritte.

Lange ausruhen ist aber nicht, denn ich bin noch zum Abendessen verabredet.

Das Steigenberger Berlin liegt nur einen Block vom Kudamm und in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Zoo.

Die Zimmer sind ok, aber nichts besonderes. Dafür ist der Empfang aber sehr herzlich und das Frühstücksbuffet einfach nur genial.



13.03.2016

10°C
10°C

Wirft man einen Blick auf die Karte, wird man feststellen, dass Kreuzberg doch ein ziemlicher großer Bezirk ist – größer als ich dachte. 

Was hat es jetzt aber mit SO36 und SW61 auf sich, auf die man immer wieder stößt? 

Das kaiserliche Generalpostamt Berlin unterteilte die Stadt von 1862 bis 1873 in neun Bezirke, bezeichnet nach den Himmelsrichtungen, in denen damals die Bahnhöfe lagen. Die Nummern gehören zu den bis 1993 gültigen Zustellpostämter 36 und 61. 

Mit der Teilung Berlins wurden vierstellige Postleitzahlen eingeführt, doch die Zustellbezirke blieben und so wurde aus SO36 1000 Berlin 36. 

Tja, und mit der Wiedervereinigung verschwand dann die 36, denn Postleitzahlen wurden jetzt fünfstellig und aus SO36 wurde 10997 und 10999. 

Doch Berlin wäre nicht Berlin, wenn man das so einfach hinnehmen würde und so findet man auch heute noch die alten Bezeichnungen und legt übrigens auch großen Wert auf den Unterschied, gilt doch SW61 als bürgerlich und SO36 als ärmer, aber multikultureller. Liegt wohl auch daran, dass es bis 1990 von drei Seiten durch die Mauer umschlossen war. Auch heute noch gilt es als sozialer Brennpunkt, ist aber gleichzeitig ein angesagter Berliner Ausgehbezirk.

Und das will ich heute mal genauer unter die Lupe nehmen.


Die U-Bahn bringt mich bis zum Mehringdamm, wo ich heute meine Tour durch Kreuzberg starte.  

Hier, an der Kreuzung Mehringdamm / Yorckstraße trifft man auf eine Kreuzberger Institution, nämlich die beliebte Currybude Curry 36. Sorry Jungs, aber da stellen wir uns jetzt nicht an - für Currywurst ist es noch viel zu früh. Apropos 36, wie war das doch gleich? Kann aber eigentlich nicht sein, denn wir befinden uns noch im alten Bezirk 61. Geht trotzdem alles mit rechten Dingen zu, denn diese 36 bezieht sich auf die Hausnummer. Im Eingang des Hauses Mehringsdamm 36 begann alles mit einem Holzwagen namens „Wurstmaxe“.

 

 

 

 

 

Und selbst im Kreuzberger Himmel kann man speisen. 

Kreuzberger Nächte sind ja bekanntlich lang, glaubt man dem Song. Mal schauen wie es im Kiez so bei Tag aussieht. Und was bietet sich in einem Szeneviertel mit multikultureller Küche an? Nein, keine Kneipentour – das wäre wohl doch noch etwas früh, aber eine Food-Tour mit Eat-The-World.

 

Damit Multikulti nicht zu kurz kommt (schließlich ist die Currywurst ja ein echtes Berliner Kind), schwenken wir einmal den Blick nach rechts und erblicken Yorck's Gemüse-Döner.


Ein weiterer Schwenk bringt uns zu Riehmers Hofgarten. Einst waren hier 300 Wohneinheiten für die besserverdienende Mittelschicht untergebracht und noch heute bestechen die Gebäude aus der Gründerzeit mit Skulpturen und Stuck.

Nicht nur die Currywurst wurde in Berlin erfunden, sondern auch etwas, dass aus unserem Berufs- und teilweise auch Alltagsleben nicht mehr wegzudenken ist. Na, wovon mag wohl die Rede sein? Richtig, es geht um Computer und hier in der Methfesselstraße wurden von Konrad Zuse die ersten Computer der Welt entwickelt.

Tja, es gibt eben auch große Erfindungen, die nicht aus Amiland kommen. 

Braucht die Filmindustrie eine Alt-Berliner Kulisse, wird sie auf den Chamissoplatz zurückgreifen.

 

Auch hier stammen die Gebäude aus der Gründerzeit, doch im Gegensatz zu Riehmers Hofgarten war es eine Wohngegend der kleinen Leute. Hinterhöfe sorgten für eine dichte Bebauung mit wenig Komfort. Heute steht der Platz unter Denkmalschutz und selbst die alten Gaslaternen und eine Bedürfnisanstalt von 1895 sind noch vorhanden. Übrigens hat es einen guten Grund warum die Häuser alle maximal 23 Meter hoch sind. Höher konnte die Berliner Feuerwehr nicht spritzen.

Aus einem ähnlichen Grund waren die Hinterhöfe mindestens 5.30 x 5.30 Meter groß - den Durchmesser brauchte die Spritze, um sich drehen zu können. 

 

 

Langsam nähern wir uns jetzt dem Treffpunkt unserer Food-Tour. Der Weg führt uns über den Herrmannplatz. Der gehört eigentlich schon zu Neukölln und gilt auch als Tor zu diesem Stadtteil. Warum ich ihn erwähne hat mit einer kuriosen Situation zu tun und betrifft das Kaufhaus Karstadt.

 

 

 

1927 wurde es erbaut und galt damals als modernstes Kaufhaus Europas. Neun Etagen, 24 Rolltreppen, ein unterirdischer Zugang zum U-Bahnhof und ein 4000 m² großer Dachgarten machten es zu einer stadtbekannten Attraktion. Dumm nur, dass es in der ersten Etage über den Gehweg hinaus- und somit in den Neuköllner Luftraum hineinragte. Dafür musste eine Gebühr für die „Sondernutzung öffentlichen Straßenlandes“ in Höhe von 15000 DM pro Jahr bezahlt werden.

Und dass, obwohl die erste Etage die Straße wohl kaum genutzt hat, oder?


Pünktlich, wie wir Deutschen nun sind, treffe ich am Startpunkt ein. Mit mir machen sich fünfzehn weiter (Bildungs)hungrige auf den Weg, um SO36 und SW61 zu erschmecken. Es wird neben einigen Kostproben der Küche auch viel geistige Nahrung geben.

Erwähnenswert wäre da doch gleich mal unser Treffpunkt, das Kino Moviemento. Sieht gar nicht danach aus, ist aber das erste Lichtspielhaus Deutschlands. Durch die Ecklage war es möglich zwei angrenzende Kinosäle durch eine transparente Leinwand zu trennen. Die Idee dahinter: in einem der Säle lief der Film seitenverkehrt zum ermäßigten Eintritt.

Wir starten unsere Tour in SW61. Wie bereits zu Anfang erwähnt, handelt es sich dabei um den bürgerlichen Teil, schön zu erkennen an den alten, renovierten Häusern. Leider aber auch hier wenig schöne Graffiti. 

Unsere kulinarischen Stopps in diesem Teil von Kreuzberg:

"Latodolce" verwöhnt uns mit leckeren Keksen und Pizette.          >

 

 

 

"Powwow" ist ein Kreuzberger Original und war eines der ersten Restaurants, das in diesem Bezirk eröffnete. Hier gibt es TexMex und Burger, unschwer zu erkennen am Ambiente.


Ein berühmtes Krankenhaus gibt es in Kreuzberg auch. Für neue Innovationen war man hier offen. Schon kurz nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen, wurden diese bereits eingesetzt. Weniger modern war dagegen der Passus, dass Ärzte ledig zu bleiben hatten. 1966 wurde ein hässlicher Neubau errichtet und die schönen alten Häuser wurden nutzlos. Glücklicherweise hat man sie nicht abgerissen, sondern das Gelände beherbergt heute Wohnungen.

Nach einem kurzen Spaziergang erreichen wir den Landwehrkanal mit der Admiralbrücke. Diese schmiedeiserne Brücke ist die älteste Eisenbrücke über den Kanal. Das alleine würde ihr aber sicher keinen Eintrag in internationale Reiseführer bescheren, wohl aber die Tatsche, dass sie sich zum abendlicher Szene-Treffpunkt entwickelt hat. "Bottle Party" nennt sich das auf Neudeutsch und sorgt nicht bei jedem Anwohner für frohe Stimmung. Deshalb ist um 22:00 Uhr auch Zapfenstreich.

Kaum hat man die Brücke überquert, steht man auf dem Admiralsplatz und damit in einem ganz anderen Teil von Kreuzberg. Hier beginnt das ärmere SO63 und das erkennt man auch direkt

an den weniger schmuckvollen Häusern und der überall anzutreffenden Graffiti. Obwohl manche ja ganz schön sind.


Die Oranienstraße zieht sich quer durch SO36 und erlangte Berühmtheit durch die Straßenschlachten, die Polizei und Autonome sich hier insbesondere am 1.Mai liefern.

Schaut man sich die Hinterhöfe genauer an, kann man noch die Tore zu den ehemaligen Kuhställen erkennen. Das ist eben auch Berlin.

Sie ist aber zugleich auch eine wichtige Geschäftsstraße und mit ihren vielen Kneipen und Restaurants ein wichtiger Punkt im Berliner Nachtleben. Da ist es sicher auch kein Wunder, dass unsere weiteren kulinarischen Stopps ebenfalls in und um die Oranienstraße liegen.

Da wäre dann zum ersten "Leylak" mit richtig leckeren Böreks:

"Hasir", mit inzwischen sechs Filialen in Berlin, ist Orient mitten in Kreuzberg und mehr als einen Besuch wert.

Und wer sich nicht vorstellen kann, wie Wok und Pizza zusammen finden, der schaut am besten mal bei "Oregano" vorbei um das heraus zu finden. Schmeckt richtig lecker!


 

 

 

 

 

Unsere Tour endet am Heinrichplatz, aber Kreuzberg ist hier noch lange nicht zu Ende. Es gibt da noch ein paar Kuriositäten, die ich mir jetzt noch auf eigene Faust anschauen werde.

Nicht weit entfernt wäre da der Feuerwehrbrunnen.

1978, als man über Verschönerungsmaßnahmen für den Mariannenplatz nachdachte, wurde auch ein Wettbewerb für einen Brunnen ausgeschrieben. Sieben Künstler nahmen teil und der Feuerwehrbrunnen erhielt den Zuschlag.

Schaut man sich die drei Männer an, wird man entdecken, dass die beiden äußeren sich gegenseitig bespritzen (sofern der Brunnen denn an ist). Auch die großen Nasen fallen auf. Begründung des Künstlers: ein Feuerwehrmann muss ja schließlich riechen, wo es brennt.

 

 

 

 

 

 

Gleich hinter dem Brunnen beginnt der weitläufige Mariannenplatz. An seinem nördlichen Ende steht die Thomaskirche. Zur Zeit ihrer Erbauung 1865 war sie mit 3000 Plätzen der größte Sakralbau der Stadt und gehörte einer der größten evangelischen Gemeinden der Welt.

 

 

 

 

Das Bethanien ist ein weiteres Beispiel dafür, dass eine Bürgerinitiative den Abriss eines historischen Gebäudes verhindern kann. Heute steht das ehemalige Krankenhaus unter Dekmalschutz und dient als Künstlerhaus.

 

 

Gecekondu ist türkisch und bedeutet so viel wie „nachts hingestellt“; ist also eine informelle Siedlung. Was hat das jetzt aber mit Kreuzberg zu tun? Na, hier steht auf einer dreieckigen Verkehrsinsel ein Baumhaus und wer die Berliner Schnautze kennt, weiß, dass es hier für vieles Spitznamen gibt. So wird dieses Haus auch Gecekondu von Kreuzberg genannt. Bis 1983 lag das Grundstück brach. Keiner wollte es, gehörte es doch zu Ostberlin, lag aber auf Westberliner Gebiet. Schuld war eine ungenau errichtete Mauer. Doch dann kommt ein türkischer Rentner und nimmt das Land in Besitz (über Nacht). Zuerst nur, um dort Gemüse anzubauen, später entsteht dann das Baumhaus. Nach dem Mauerfall wurde es übrigens nachträglich legitimiert, hat aber bis heute weder Wasser – noch Stromanschluss.

 

 

 

 

 

 

Und auch so kann man in Kreuzberg leben: eine Wagenburg im Stil der frühen Siedler. Nur die Wagen sind ein wenig moderner.

Die Oranienstraße haben wir ja heute schon kennengelernt und der Oranienplatz  ist heute Endziel der Tour. 

Einst überspannte hier eine Brücke den Luisenstädtischen Kanal. Der verband die Spree mit dem Landwehrkanal und wurde 1852 eröffnet. Sehr erfolgreich war dieser Wasserweg nicht und irgendwann stank es den Anwohnern im wahrsten Sinne des Wortes. Schon 74 Jahre später kam das Aus und er wurde bis auf das Engelbecken zugeschüttet. Auch der Mauerbau machte die Gegend nicht schöner, denn hier verlief die Grenze mit dem Todesstreife. Schön, dass sich uns heute wieder ein freundlicheres Bild bietet.

 

An so einem zentralen Platz finden sich natürlich auch Läden. Einer fällt gleich ins Auge; die alte Oranien-Apotheke. Die hohe Stuckdecke und die alten Apothekerschränkchen sind bis heute erhalten. Wer im Innerern aber eine Apotheke erwartet, wird sich wundern. Seit 2015 wird hier Kaffee und Kuchen serviert. Und der ist richtig lecker.

 


Cafe Ora


Korkmännchen

14.03.2016

14°C
14°C

Ich habe noch ein wenig Zeit, bevor mein Zug zurück in die Heimat geht. Diese Zeit möchte ich nutzen, um mich auf die Suche nach den Yogis zu machen. Wer oder was das ist? Lasst euch überraschen. Wer jetzt wegen Berlin und Bär und so an den Yogibär denkt, liegt ziemlich daneben. Es ist auch gar nicht so einfach die kleinen, scheuen Kerle zu finden. Man muss schon wissen, wo sie sind und dass sie dort sind.

Die Rede ist von kleinen Korkmännchen, die überall in Berlin seit 2009 die Straßenschilder bevölkern. Ich war ja schon des Öfteren in der Stadt, aber bisher sind mir nur die Berliner Bären und die Ampelmännchen aufgefallen. Ok, das ist auch einfach, da die bedeutend größer sind. 

Da ich dieses mal aber bewusst nach den kleinen Kerlchen gesucht habe, konnte ich einige entdecken: 


Und schon wieder ist ein Wochenende in der Hauptstadt vorbei. Gemein nur, dass heute die Sonne wieder scheint. Als Entschädigung ist wenigstens die Bahn pünktlich.

 

 

mehr Berlin?